Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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bem Evangelium; beim diese wissen nichts
davon, daß Jesus schon vor seinem Wüsten-
anfenthalt, der im nächsten Bild geschil-
dert wird, öffentlich lehrte.

Eine merkwürdige Darstellung hat Bot-
tieelli im 3. Fresko geschaffen. Während
an jedem Seitenrand der Fläche ein Berg
sich erhebt, ragt in ihrer Mitte die Tempel-
zinne, das hohe Eingangstor des Tempel-
hofs, empor und davor, den ganzen Vorder-
grund einnehmend, vollzieht sich eben das
Reinigungsopfer, durch welches ein vom
Anssatz Geheilter nach dem mosaischen
Gesetz (Lev. 14, 1 ff.) der menschlichen
Gesellschaft zurnckgegeben wird. Den Altar,
auf welchem schon das Feuer brennt, um-
stehen Neugierige, unter denen wiederum
viele als Bildnisfiguren zu erkennen sind.
Während rechts hinter dem Altar der
Geheilte, von ziv ei Freunden gestützt, und
gegenüber seine Frau mit einem Korb,
aus ivelchem zwei Hühner hervorlngen,
vorne rechts eine andere Frau mit einem
Bündel Zedernholz naht, schickt sich vor
dem Altar eben der Priester an, aus der
von einem Akolnthen hingehaltenen Schüssel
das Blut anszuspritzen. Auf dem linken
Berg naht sich der Teufel in einer Frnnzis-
lanc'rkutte dem hungernden Herrn. Auf
der Plattform der Tempelzinne erblicken
wir die 2., auf dein rechten Bergesgipfel
die 3. Versuchung Jesu. Während dieser
hier in heiligem Zorn den Versucher da-
vonjagt, decken hinter ihm Engel auch
schon den Tisch. Aber der Herr tritt in
dem Bilde noch ein 4. Mal auf. Im
linken Mittelgrund schreitet er, im Ge-
spräch mit den Engeln, die ihn bedient
hatten, in der Richtung auf den Priester
in der Opferscene zu.

In dem folgenden Bilde hat uns Ghir-
landajo die Berufung der ersten Jünger
am See Genesareth und zwar nach bem
Bericht des Matthäus (4, .18 ff.) geschil-
dert. Im Hintergrund links ruft Jesus,
an der Spitze seiner ersten Zuhörer, den
Simon (Petrus) und den Andreas aus
ihrem Fischerkahn ans Land. Im Vorder-
grund lädt er das vor ihm knieende Bruder-
paar noch einmal feierlich ein, ihm nach-
znfolgen. Zeugen der Begebenheit (rechts
das Gruppenbild der Florentiner Kolonie)
füllen den Vordergrund. Schon von den
beiden ersten Jüngern begleitet, holt Jesus

am rechten Ufer des Sees die beiden
Brüder Jakobus und Johannes, die im
Kahn bei ihrem Vater Zebedäns Netze
flicken, zu seiner Nachfolge (Mt. 4, 21 f.).

Im 5. Gemälde hat Rose Ui gleichfalls
mehrere Vorgänge vereinigt und bei seiner
Schilderung sind Züge ans dem Lnkas-
nnd ans dem MatthäuSevangelinm ver-
schmolzen. Auf dem Berg in der Mitte
des Hintergrundes erhebt sich ein Kirch-
lein, das uns erzählen soll, daß der Herr
die Nacht im Gebete mit Gott zngebrncbt
(Lk. 6, 12). Ganz nach freier Erfindung
läßt der Künstler sodann Jesum, von einem
einzigen Jünger gefolgt, den einsamen
Felsenweg, der von dem Kirchlein.talwärts
führt, betend herabwandeln. Da wo der.
Weg am Fuß des Berges das Tal erreicht,
sehen wir Jesum dann wieder, aber jetzt
von den zwölf Aposteln begleitet, die er
in der Frühe desselben Tages ans dem
Berg ausgewählt hatte (Lk. 6, 13 ff.).
Links im Vordergrund trägt der Herr,
auf einem künstlichen Hügel stehend, der
Volksmenge, die gekommen war, ihn zu
hören und von ihren Krankheiten geheilt
zu werden, die Bergpredigt vor (Lk. 6,
18 ff.; Mt. 5, 1 ff.). Rechts im Vvrder-
grund heilt er den Aussätzigen, ein Wunder,
das sich nach Mt. 8, 2 ff. an die Berg-
predigt anschloß.

Es folgt in der Reihe die Schlüssel-
übergabe an Petrus (Mt. 16, 18 f.), das
Werk Peruginos. An Christus und Petrus,
der knieend die beiden Schlüssel entgegen-
nimmt, schließen sich in einer geraden
Linie die übrigen Apostel und ein paar
weitere Zuschauer (Bildnisse) an. J>n
j Hintergrund steht mitten der Tempel, ein
l prächtiger Kuppelbau mit symmetrischen
Anbauten rechts und links, daran reihen
sich beiderseits in gleicher Entfernung zwei
ganz gleiche Torbauten, Nachbildungen des
Konstantinsbogens, die wieder gleichweit
vom Rand des Bildes abstehen. In dem
weiten Raum zwischen der Apostelreihe und
derihr parallelen Linien des architektonischen
Hintergrunds hat Perugino zwei Miniatnr-
scenen, die in gar keinem Verhältnis zu
den übrigen Figuren des Bildes stehen,
unschön hingezettelt, links die Begebenheit
mit bem Stenerdenar (Mt. 22, 15 ff.;
Mk. 12, 13 ff.; Lk. 20, 20 ff.), rechts
| den Versuch der Inden, Jesum zu steinigen.
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