Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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(Jo. 10, 39; vgl. dazu Jo. 8, 59: Jesus I
erscheint eben im Tempelportal).

Auf dein letzten Feld der Langseite führt
uns Noselli in den Abendmahlssaal, wo
der Herr mit seinen Jüngern das Passah
als Äbschiedsmahl genießt. Durch die
drei großen Fensteröffnungen (von links
nach rechts) zeigt uns der Künstler den
Herrn, wie er in Todesangst ans dein
Oelberg eben von dem Engel gestärkt wird,
wie er sich von Judas küssen läßt und
sich den Schergen gefangen gibt, endlich
wie der zwischen zwei Mördern am Kreuze
hängende Leichnam von Maria und ein
paar Getreuen beklagt wird.

Die Auferstehung Christi, gleichfalls
von Noselli, ging beim Einsturz der Rück-
wand unter Papst Hadrian VI (1522/23)
zn Grunde.

In den beiden ersten Scenen, mit denen
der Moseszyklns heute beginnt, ist die
Chronologie verlassen. Im 3. Bild erzählt
Botticelli das Leben Mosis vom 40. bis
zum 80. Lebensjahr, wobei der Held nicht
weniger als siebenmal anftritt. Der
Adoptivsohn der ägyptischen Königstochter
erschlägt in einer Zornesanfwallnng den
ägyptischen Fronvogt, den Peiniger seiner
Volksgenossen, und flieht dann, da er sich
von zwei Hebräern beobachtet sieht, —
der Künstler vereint hier die zwei Vor-
gänge Ex. 2, 12 und 2, 13 f. — einsam
in die Wüste. In der Mitte des Bildes
finden mir den Prinzen wieder im Lande
Madian, wo er ritterlich die rücksichtslosen
Hirten vom Brunnen verjagt und den
Töchtern Jethros die Schafe tränkt (Ex. 2,
16 ff.). Nachdem der Flüchtling im Hause
Jethros Aufnahme gefunden und sogar
seine Tochter Zippora zur Frau erhalten,
sehen wir ihn zum 5. und 6. Mal, wie
er willig seine Schuhe auszieht und von|
dem aus dem brennenden Dornbusch re-
denden Jahwe knieend seine Berufung
zum Befreier seines Volkes vernimmt
(Ex. 3, ] ff.). Links im Vordergrund
zieht Moses getreu dem Befehl des Herrn
mit Weib und Kind (sowie ein paar
Knechten und Mägden) zurück nach Aegyp-
ten (Ex. 4, 20).

Daran schließt sich zeitlich die 2. Dar-
stellung unmittelbar an. Moses wird ans
dem weiteren Marsch an der Spitze der
kleinen Karawane, die wir schon im

3. Bilde kennen lernten, durch den Engel
des Herrn mit gezücktem Schwert (nach
Ex. 4, 24 durch Jahwe selber!) angehalten
und mit dem Tode bedroht, falls er die
bis dahin unterlassene Beschneidung seines
Jüngsten nicht nachhole. Den rechten
Vordergrund nimmt die Scene ein, wie
die Mutter Zippora im Beisein Mosis
und vieler Zuschauer (Bildnisse) die Zere-
monie an ihrem Söhnlein vornimmt. Im
Hintergrund findet am „Berge Gottes"
die von Jahwe iin Dornbusch vorher-
gesagte Begegnung Mosis mit seinem
älteren Bruder Aaron statt (Ex. 4, 14 ff.;

4, 27). Alle diese Vorgänge sind hier
das einzige Mal in der Kunstgeschichte
dargestellt. Das Fresko ist von Perngino
mit mehreren seiner Schüler, namentlich
Pinluricchio, ansgeführt.

Mit Uebergehung der Wunder, die
Moses und Aaron vor dem Aegypterkönig
wirkten, schildert das 4. Bild, aus Ro-
sellis Werkstatt, gleich den Auszug Israels.
Rechts ganz im Hintergrund berät unter
den Festungsmanern einer ägyptischen
Stadt der Pharao mit den Seinigen,
wie das flüchtige Volk wieder zurückgebracht
werden könnte (Ex. 14, 5). Den rechten
Vordergrund füllt der Untergang des
Pharao und seines stolzen Heeres in den
Fluten des Roten Meeres. Auf der
linken Vildhälste zieht das gerettete Hebräer-
volk landeinwärts, während am Ufer noch
eine Gruppe Vornehmer das fürchterliche
Gottesgericht beschauen: zuvörderst Moses
zwischen der psallierenden Maria und dem
betenden Aaron, hinter ihnen eine Anzahl
Porträtgestalten, mehrere mit Reliqnien-
gefässen (darunter Kardinal Bessarion)
und einige in blinkender Rüstung.

Das folgende Fresko, gleichfalls von
Noselli, gibt wieder, entsprechend dem
Gegenbild, eine ganze Reihe von Dar-
stellungen. Ans dem Gipfel des Sinai,
der sich in der Mitte des Bildes erhebt,
empfängt Moses knieend ans der Hand
des von einem Engelchor und einer Wolke
umhüllten Gottvaters die Gesetzestafeln
(Ex. 31, 18) und fleht zu Gott für sein
Volk (Ex. 32, 7 ff.) während etwas tiefer
sein Begleiter Josne die 40 Tage und
Nächte schlafend verbringt (Ex. 24, 13 ff.).
Den rechten Vordergrund nimmt der
Vorgang ein, wie das während des Moses
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