Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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5u überwölben, das Hanptheiligtum, nne
das bei den beiden gewaltigsten Kuppeln
der Welt, der von St. Peter in Rom
und der des Doms von Florenz, zutrifft,
lleberall ist es hier eine besondere Be-
ziehung der Kuppel zum Heiligen, zum
Kultus, welcher ihr eine besondere Be-
.rechtigung und gleichsam eine höhere Weihe
verleiht. Bei dem protestantischen Dom
in Berlin fehlen diese Beziehungen. Hier
wölbt sich die prachtvolle, reichgeschmückte
Kuppel mit der Laterne über dem Pub-
likum, das ihren Fonds füllt; sie bilvet
also die Bedachung des Kirchenschiffes.
Es ist ja dies ganz entsprechend der pro-
testantischen Anschauung über Geistliche
uub Laien und dein protestantischen Gottes-
dienste, aber niemand wird sagen, das;
darin eine große Berechtigung liegt für
solch einen Ban von eminenter Höhe,
Pracht und Kostbarkeit. Die Kuppel
Michelangelos kündet auf Stunden weit
hinaus: unter mir ruht Petrus- der
Apostelsürst, der Fels, auf den der Herr
Seine Kirche gebaut, dem Er die Schlüssel
des Himmelreichs gegeben, und so erscheint
sie dem Pilger wirklich als ein Heiligtum,
dessen Anblick ihn im Innersten ergreift,
tröstet rmd erhebt. Solche oder eine ähnliche
Wirkung bleibt dem protestantischen Dom
versagt; er spricht lediglich mit den Zungen
natürlicher Sprechweise, durch die Wucht
und die Pracht der Verhältnisse, durch
die Schönheit seiner äußeren Erscheinung.

llnd auch hierin kontrastiert der Ber-
liner Dom sehr gegen den Dom von St.
Peter, mit dem er so gerne in Vergleich
gestellt wird. Wir meinen natürlich nicht
die Größenverhältnisse. Aber wenn man
die Kuppel Michelangelos schaut, an welcher
alles Erhabenheit und Leichtigkeit ist, an
welcher alles mit unaussprechlichem Drange
aufwärts strebt: die wunderbare Säulen-
stellung, welche den Zylinder umfängt und
darüber oder eigentlich daraus unauf-
haltsam emporsteigend die ungeheure Kuppel
selbst mit den wuchtigen Nippen, alle
hiilauflaufend, während die Lünetten da-
zwischen einzig zur Belebung dienen, -
und daun, zn oberst, ivo sich alles zn-
san,menwölbt, die Laterne frei aufsteigend,
wie ein Springqnell über die anderen
Kaskaden: wer dies unübertrefflich ein
heitliche und in seiner höchsten Eiufachhei

erhabenste Werk vor seinen Augen hat,
rnid wer daneben hält die Eigentümlich-
keiten der Berliner Domkappel mit ihren
starken und vielen Horizontalliuien, mit
denr unklaren Zylinderbau, mit den die
Ansatzlinie der Kuppel so unruhig über-
schneidendeu Engelpostamenten uub Fenster-
krönungen , mit dem auffallend weiten
Kranz der oberen Galerie, dann hat man
den Eindruck: dieser Kuppel fehlt das,
was eigentlich ihre wesentlichste Eigenschaft
sein sollte: das ungehemmte Anfsteigen
und die große, imponierende Ruhe. Die
Zierglieder herrschen zn sehr vor, und die
Monumentalität büßt dadurch erheblich
ein. Hat mau dann die ganze Haupt-
seite des Domes vor sich, dann kommt
zu dem überreichen Wechsel au architekto-
nischen Gliedern des Kuppelunterbanes
noch der Triumphbogen vor dem Haupt-
portal mit den flankierenden ehernen
Engeln, der gleichfalls metallenen breiten
Gruppe über dem Bogen und dann die
ganze architektonische Krönung mit Ehristns-
figur in abermals überreich abschließenden
Mittelnischen und mit vier Apostelfiguren,
hinter ihnen pyramidale Abschlüsse. Das
alles blendet, berückt durch seine Massen-
wirkung, aber es wirkt zugleich höchst un-
ruhig, unklar und unmonumental. Bon
weiter Ferne, ivo alle Details ver-
schwinden : da mag die Domkuppel

majestätisch und wirklich groß über das
moderne Berlin aufra.g'n. Zweifellos ist,
darüber ist alles einig, dem ornamentalen
Teile bei diesem Bauwerk ein außerordent-
liches Vorzugsrecht eingeräumt worden,
nicht eben zum Vorteil der Architektur
selbst.

Wie verhängnisvoll die beiden ganz
ungleichartigen Anbauten zur Rechten und
Linken des eigentlichen Domes, nämlich
die Gedächtnis- und Grnftkirche sowie die
Kirche für Feste des Lebens, für das Ganze
wurden, das ist bereits angedentet. Zwar
ist mit — man möchte sagen genialer Hand
eine Beeinträchtigung der Gesamterschein-
nng des Domes vermieden worden, aber
einerseits mußten doch die Größenverhält-
nisse desselben darunter sehr leiden. Das
ist mit deutlichsten ausgesprochen in fol-
genden Zahlen: Die gesamte überbaute
Grundfläche beträgt 6270 Quadratmeter;
hievon entfallen aber ans das eigentliche
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