Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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und Vorbereitung auf die Ausübung der
Befugnisse des heiligen Amtes.

Allein gegen diese Ergebnisse erheben
sich hauptsächlich zwei Bedenken. Einmal
sollte Steiumauns Monographie nicht ohne
Nachprüfung die Grundlage für eine in-
haltliche Deutung des Zyklus bilden.
Anderseits kann die angewandte Methode
kein einwandfreies Resultat liefern. Ab-
gesehen davon, das; eine Anzahl Bilder
als bloße Lückenbüßer für die Idee des
Zyklus bedeutungslos werden, ist nicht
einzusehen, warum mir uns, wenn einmal
der Grundsatz, möglichst viel Dogmatik
und Symbolik in jedes Fresko hinein-
zulegen, Geltung hat, mit drei Sakra-
menten begnügen sollten. Ebensogut als
in beut Opfer des Aussätzigen das Vnß-
sakrament, dürfen wir in der Schlüssel-
übergabe das Sakrament des Ordo, in
der Heilung des Aussätzigen, ivelche den
halben Vordergrund neben der Bergpredigt
einnimmt, das Krankensakrament, in der
vom Herrn unter segnender Geste voll-
zogenen Berufung der Jünger zu mann-
hafter Naclifolge die Firmung versinnbildet
sehen; schließlich hat der Gottessohn
dadurch, daß er im Schoß der Familie
geboren werden utib 30 Jahre lang vor
der Welt als der Sohn des heiligen
Ehepaars von Nazareth gelten ivollte, die
Ehe geheiligt und zu einem Sakrament
erhoben; Taufe und Eucharistie sind in
der Taufe Christi und im Abendmahl
dargestellt, lind doch möchten nur uns
nicht zu der Deutung des Zyklus als einer
katholischen Sakramentenlehre bekennen.

So bleibt denn für eine befriedigende
Lösung des Problems nur der andere
Weg gangbar, ivelcher voin Ganzen zu»;
Einzelnen fortschreitet. Die Taufe Christi
kann tausendmal sonst als Begründung
des Taufsakraments dienen, aber hier kann
sie dennoch einen prägnanteren Sinn haben,
das Neinignngsopfer des Aussätzigen mag
wohl sonst einmal als Symbol des Buß-
sakraments erscheinen, aber hier ist dieser
Gedanke ausgeschlossen und ebenso beim
Durchgang durchs Rote Meer die alther-
gebrachte Bedeutung als TypnS der Taufe
und Buße, denn hier ist jedes Bild als
ein Glied in dem kunstvoll angelegten
Zyklus von vornherein inhaltlich in dop-
pelter Richtung bestimmt, durch sein Ge-

genbild und durch seine Stellung in der
Längsreihe.

Ueberblicken wir die Aufeinanderfolge
der Bilder in beiden Reihen, so springt
sofort in die Augen, daß die ersten drei
Freskenpaare sich mit Jesus und Moses
bis zuin Antritt ihres providentiellen Amts
befassen. Wenn wir sodann bedenken,
daß der ganze heilsgeschichtliche Entschei-
dungskampf zwischen Abendmahl und
Auferstehung nur in den Fensterdurchsichten
deS Cönaculnms, gleichsam nur als Bild
im Bilde, gezeigt wird, und daß das
Abendmahl selber als Gegenstück zum
Abschied Mosis von seinem Volk an der
Grenze des Verheißungslandes erscheint,
so ist gleichfalls leicht ersichtlich, daß die
beiden letzten Freskenpaare ihrerseits zu
einer Gruppe zusammengehören und eine
Art Epilog zu den vorhergehenden Dar-
stellungen bilden, wie die drei ersten Paare
die Einleitung zum Folgenden. Somit
verbleiben in der Mitte noch drei Fres-
kenpaare als Kern und Hauptsache des
ganzen Bilderkreises.

Da anderseits je eine Scene aus dem
Mosesleben und eine aus dem Leben
Christi typologisch einander gegenüber-
gestellt sind, müssen notwendig beide den
gleichen Gedanken enthalten. Wir dürfen
also ohne weiteres ans ein Fresko, das
an und für sich mehrdeutig ist oder seine
Idee nicht unmittelbar deutlich erkennen
läßt, den klareren Gedanken des Gegen-
bildes übertragen.

Durch diesen äußeren Nahmen ist der
Sinn jedes einzelnen Fresko im voraus
festgelegt und innerhalb dieses Rahmens
haben wir uns bei der Deutung der ein-
zelnen Bilder zu halten. Versuchen wir
danach, den genaueren typologischen Zu-
sammenhang festzn stellen.

Von den beiden Bildern, die ursprünglich
den Zyklus ans der. Altarwand eröffneten,
wissen wir nur, daß sie die Geburt Christi
und die Aufsindnng Mosis durch die
ägyptische Köuigstochter enthielten, ob
daneben noch andere Parallelscenen aus
dein Jugendleben der beiden Propheten
Gottes, entzieht sich unserer Kenntnis.

Der oben festgelegte äußere Rahmen
schließt eine Beziehung des ersten erhaltenen
Bildes der Christusreihe ans das Tauf-
sakrament ans. Es handelt sich hier viel-
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