Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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mehr um die Johannestaufe, die von
Gott deiil Prediger in der Wüste als
Vorbereitung auf das nahe Himmelreich
anbefohlene (nichtsakramentale) Zeremonie.
Aus der Tauftätigkeit des Johannes ist
der Moment heransgegriffen, wo eben der
Gottessohn unter anderen Bußfertigen,
die sich durch den Empfang der Wasser-
taufe ans das Himmelreich vorbereiten
wollen, die Zeremonie an sich vornehmen
läßt, „um jegliche Gerechtigkeit zu erfüllen"
(Mt. 3, 15).

In dem Gegenbilde ist cs allerdings
nicht Moses, sondern dessen Sohn Gerson,
welcher derBeschneidnng unterworfen wird.
Trotzdem besteht zwischen Christus und
Moses eine persönliche Beziehung. Die
Beschneidung ist das Erfordernis der
Zugehörigkeit zu dem Volk, das Gott
ans dem Elend Aegyptens ins verheißene
Land führen will (Gen. 17, 4 ff.; vgl.
Ex. 3, 8. 17). Und die persönliche Ty-
pologie besteht nun darin, daß Moses
und Christus ans Antrieb Gottes durch
tätliche Anerkennung der von Gott an-
befohlenen, auf die nahen Heilsveranstal-
tungen vorbereitenden Zeremonie „jegliche
Gerechtigkeit erfüllen" (Mt. 3, 15). In
den Hintergrundscenen werden Aaron, nach
Jahwes Versprechen „der Mund Mosis"
vor dem israelitischen Volk und vor dein
Pharao (Ex. 4, 13 ff.), und der Vorläufer
des Herrn, „die Stimme des Rufenden
in der Wüste" (Lk. 3, 4), einander ver-
glichen. Durch Gegenüberstellung der
beiden Predigtseenen in der Taufe scheint
der Künstler denr Zeugnis des Täu-
fers: „er muß wachsen, ich aber muß
abnehmen" (Jo. 3, 30) Ausdruck geben
zu wollen.

Im nächsten Paar ist die Idee des
alttestamentlichen Bildes unschwer zu ver-
stehen. Die empörende Knechtung Israels
ist es, welche den Moses zu seiner Bluttat
hinreißt; aus Erbarmen über das Elend
Israels in Aegypten beruft Jahwe den
Moses nach seiner vierzigjährigen Läuterung
am brennenden Dornbusch zum Befreier
seines Volkes, und Moses zieht nun an
der Spitze seiner in der Wüste ihm
gewordenen Familie (deshalb auch die
Brunnenscene!) nach Aegypten zurück, um
im Auftrag und in der Kraft Gottes sein
Volk wegznführen aus dem Lande der

Bedrückung „in ein Land, das von Milch
und Honig fließt" (Ex. 3 und 4).

Nach dem Grundsatz, daß das klarere
Bild das weniger leicht verständliche Gegen-
bild erkläre, heißt der Inhalt des Moses-
bildes in das Neue Testament übersetzt:
Gott hat endlich angesehen das Elend
seines Volkes, der unter dem Fluch der
Sünde seufzenden Menschheit, und sendet
nun den von ihm berufenen Erlöser nach
seiner vierzigtägigen Vorbereitung in der
Wüste zurück in die Welt, damit er sein
Volk herausführe aus dem Lande der
Sündenknechtschaft in das Land, das von
Milch und Honig fließt, in das nahe
„Himmelreich". Wie sollte der Künstler
diese Idee versinnlichen? Leicht war die
Aufgabe, ivelche der Theologe dem Künst-
ler stellte, entschieden nicht, llmso be-
ivnndernswerter ist das Geschick, mit
welchem der junge Botticelli seine Auf-
gabe löste. Das ganze Elend der Mensch-
heit illustriert der Künstler sehr über-
zeugend durch die fürchterlichste aller Krank-
heiten, den Aussatz. Die Möglichkeit,
den Aussatz in einen äußeren Zusammen-
hang mit den übrigen Darstellungen des
Bildes zu bringen, ward geboten durch
die zweite Nersnchnng, wo der Teufel
Jesnm überreden will, sich von der Tempel-
zinne herabzustürzen, d. h. ein bloß der
Schaulust dienendes Wunder zu wirken.
Der Künstler brauchte also die Tempel-
zinne, d. h. das hohe Eingangstor des
Tempelhofs, und davor eine schaulustige
Menge. Ein ganz ungezwungener Zu-
sammenhang ergab sich dadurch, daß Botti-
celli eben das Reinigungsopfer eines vom
Anssatz Geheilten vor der Zinne vor sich
gehen läßt in den: Augenblick, wo Jesus
mit dem Versucher auf der Plattform
der Zinne steht und dazu verleitet werden
soll, den unten Stehenden ein Wunder
zum besten zu geben. Die ideelle Be-
deutung der Opferscene für das Gesamt-
bild ist dadurch ansgedrückt, daß Jesus
aus dem linken Mittelgrund ans die
Opferscene znschreitet. Wir könnten die
Idee dieser bedeutungsvollen Gruppe
nicht besser charakterisieren als mit den
Worten des Täufers: „Siehe das Gottes-
lamm, da kommt es, das ans sich nimmt
die Sünden der Welt" (Io. l, 29). Un-
möglich ist die Deutung der Gruppe als
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