Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 37
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verschiedene Bosheiten und Ausfälle gegen
die Katholiken abfalten, so z. V. der Satz:
„Sollte es Zufall sein, daß auf evange-
lischem Boden fast ausnahmslos, in ka-
tholischen Völkern fast nirgends die Soli-
darität zwischen Fürst und Volk den
Stürmen der Geschichte standgehalten
hat" — ein Satz, dem man bloß das
Jahr 1848 entgegenhalten darf, um ihn
ad absurdum zu führen; anderes haben
wir schon letztesmal angeführt.

Nachdem sodann konstatiert ist, man
»söge ja nicht glauben, der Berliner Dom
"sei wohlgetan zu Vorbildern fernerer I
Monumentalkunst", wird der Satz anfge-
stellt: „Der deutsche Kaiser war damals, ,
"ls er den Bauplan genehmigte, zwölf
Jahre jünger, als heute; er würde viel-
leicht heute anders entscheiden. . . ."

Dann wird aber sofort der Nachsatz
angehängt: „Er hat eine Kirche zur
Repräsentation gewollt uitb ge-
schaffen", und schließlich „können wir ja
boch auch als evangelische Kirche nicht ganz
ahne Repräsentation leben".

Hierauf wendet sich die Erörterung
weiter rückwärts gehend gegen den asze-
tischen Geist des evangelischen Kirchenban-
begriffs. „Ganz aszetisch mögen nur
Kirchen sein, wie die der Sekten in Eng-
land," heißt es, und es wird gefragt:
„soll unsere evangelische Staatskirche
(sic:!) immer nnr puritanisch sein? soll
ihr jeder festliche Charakter genommen
werden?" Und die Antwort erfolgt
prompt: „Kirche und Gotteshaus ist
etwas Festliches. Christus ging gerne in
die Synagoge, die des künstlerischen
griechisch-römischen Stils (??!) nicht ent-
behrte." Ja, die Antwort geht noch
weiter: „Christus hat sich am See und
auf dem Berg eine noch tausendmal fest-
lichere Umgebung aufgebaut, als die
blühendste Rokokokirche"!!

Und noch weiter geht's in der wunder-
samen Argumentation: „Ist denn das

evangelische Volk .... so aszetisch und
tragisch gestimmt, daß es eine festliche
Kirche als antidogmatisch empfinden müßte?
Ist es nicht gemachte Angst vor der Aehn-
lichkeit mit katholischen Kirchen, wenn
man festlich-frohe Kirchen ablehnt? Evan-
gelische Schriftsteller triefen in ihren
Worten von der Erlösung ans katholi-

schen Finsternissen — und wir sollen Gott
nicht nnbeten dürfen in einem Hause, das
schön ist?"

Nun kommt allmählig die Nutzanwen-
dung auf den Berliner Dom. „Er mag
geschmacklos überladen sein. . . .; lassen
wir uns aber nicht Hineinreißen in ein
aszetisches Lebens- und Kunstideal, das
wir selbst nicht durchführen.. . ."

Und immer weiter geht's, immer näher
dem Dom zu. „Wo ist die Freude an
den modernen Kuustfragen größer, als in
den evangelischen gebildeten Kreisen? Hub
nun soll auf einmal ein in Festpracht
jubelnder Do»l bloß gegenreforma-
torisch sein? Die Jesuiten, die Ver-
neiner der Lebensfreude (?!), sollen uns
auf einmal der Ansporn zur Lebens-Un-
freude sein bei der Ausprägung unserer
Kultuskirchen?" „Der Pomp des Ber-
liner Doms mag unprotestantisch sein —
übrigens hält das Innere nach dem Kri-
tiker Stork mehr, als das Aenßere ver-
spricht."

Unter fortwährenden Protesten ist die
Beweisführung nun doch zunächst daran
angekommen, daß der Berliner Dom
eigentlich seine gute Berechtigung und
> seinen Sinn selbst als „evangelische Kirche"
habe.

Es geht aber noch weiter. Die Argu-
mentation kommt plötzlich auf St. Peter
in Rom zu sprechen (trotzdem sie kurz
vorher ganz entschieden dagegen protestiert
hat, daß der Berliner Don: mit dem
j Petersdom in eine Parallele gebracht
werden dürfe), und stellt den Satz auf:
„Auch die Peterskirche iu Rom ist nicht
der vollendetste Ausdruck der katholischen
Kirche." Damit kann sich also der Ber-
liner Dom trösten.

Und unaufhaltsam schreitet's voran zu
dem kühnen Satze: „Wenn ich boshaft
sein wollte gegen Leute, die ihre Weis-
heit nur aus den Büchern der Kunst-
geschichte beziehen, anstatt im Angesicht
der Kunstwerke ihre eigenen Gedanken zu
haben, wollte ich den Nachweis erbringen,
daß d i e P e t e r s k i r ch e i n N o m viele
protestantische Elemente ent-
hält." „Michelangelo, der sich darin
verewigte, ist ein Protestationsgeist," und
der Verfasser jener Deduktionen „konnte",
i wie er erzählt, „im letzten Frühjahr im
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