Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 38
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öS

Petersdom alle katholischen Beigaben ver-
gessen". Er schied kurzerhand „die Seiten-
kapellen und Krenzarme, diese unwesent-
lichen Aecidentien" von St. Peter, ans
und behielt nur noch „die Niesenknppel
Michelangelos" nnd unter ihr „eine prote-
stantische (!!) Allsicht, Allhörsamkeit
(inan denke: unter der R i e s e u -
kuppet!!), ein Sursum corda, dessen
sich keine protestantische Kirche zu schämen
brauchte". Wie schade, daß der alte
Michelangelo schon tot ist und diese herab-
lassenden Göunerworte nicht mehr in Em-
pfang nehmen kann! Er hatte zweifellos
das Laug- und Hauptq verschiff samt den
dieselben im Quadrat dnrchschneidenden
weiteren vier Querschiffen mit ihren ent-
zückenden und nie erreichten Kurven im
Grundriß, das er alles zu Einem Ganzen
zusammenkomponiert hatte, bereitivillig als
„unwesentliche Aecidentien" fallen lassen,
wenn er das Glück gehabt hätte, die
Meinung des Herrn Herausgebers des
Stuttgarter „Christlichen Kunstblatts" an-
hören zu können, der weder boshaft sein,
noch seine Weisheit nur ans den Hand-
büchern der Kunstgeschichte beziehen ivill,
sondern „seine eigenen Gedanken" hat.

Aber es geht noch immer weiter in
dem gleichen Gleise: nach dein A folgt
gleich das B, das ist die Ordnung im Abc.

„Ob ein derartiger lichter, hörsamer (!!)
Kuppelbau gerade katholisch ist,
darüber läßt sich streiten," behauptet Herr
David Koch angesichts der Kuppel von
St. Peter in Nom, „denn die katholische
Kirche hat das Wesentliche dieses Knppel-
stiles (!) gar nicht erkannt oder znm min-
desten nicht ausgenützt."

Ja, es ist wie Herr David Koch sagt,
„eine ncch sehr diskutable Frage", ob die
e v a n g e l i s ch e K i r ch e n b a n k u u st nicht
sagen kann: „Kuppelbau ist bloß eine
architektonische Idee: sie halte keine spezi-
fisch konfessionelle Tendenz; jedenfalls nicht
bei Michelangelo."

Bon hier aus ist es nicht mehr iveit,
besonders wenn man logische Sieben-
meilenstiefel hat, bis zu dem nächsten
Satze desselben Herrn: Da, ivie ich be-
wiesen habe, die Großkuppel Michelangelos
keine konfessionelle Tendenz hatte, so
„nehmen w i r P r o t e st ante n m i n -
bestens die Hälfte von derselben (die

Idee und Erfindung der Großkuppel) in
Anspruch". Das ist ja ganz einleuchtend,
nicht wahr? Was rein architektonischen
Charakter hat, was rein künstlerisch und
n i ch t konfessionell ijt, das ist m i n-
bestens zur Hälfte p r o t e st a n t i s ch!
Das liegt doch ans der Hand!

Aber das ist immer noch nicht genug.
Herr David Koch argumentiert „gottes-
fürchlig und dreist" zugleich unentwegt
weiter: „Und so kann uns niemand hin-
dern, auch den halben Michelangelo zu
nehmen. Wir nehmen allerdings nicht
den Michelangelo des Prunkes der La-
terankirchendecke (die wahrscheinlich gar
nicht von Alichelangelo ist, sondern von
seinem Schüler della Porta, und die im
übrigen zum Schönsten und harmonisch
Vollkommensten gehört, was an derartigen
Kunstwerken vorhanden ist), sondern den
Michelangelo des Kuppelstils int
Peters dom."

So, jetzt haben wir's, schwarz auf
weiß, und Herr David Koch hat den Vogel
abgeschossen.

Sehen nur uns, nachdem die „Beweis-
führung" bei diesem Höhepunkt augelangt
ist, die wunderbaren Schritte derselben
nochmals an: I. Ob der Kuppelbau von
St. Peter g e r a d e k a t h o l i s ch ist, dar-
über läßt sich streiten; 2. „es ist sehr
diskutabel, ob der Kuppelbau nicht bloß
eine rein a r ch i t e k t o n i s ch e Idee ist";
3. „der Kuppelbau von St. Peter hatte
keine spezifisch konfessionelle
(d. h. katholische) Tendenz"; 4. er ist
also konfessionslos, rein künstlerisch; 5.
„wir Protestanten nehmen aber mindestens
die Hälfte (dieses konfessionslosen) Kuppel-
baues in Anspruch"; 6. „wir Protestan-
ten nehmen den halben Alichelangelo für
uns"; 7. „und zwar nehmen wir den
Michelangelo der Peters kuppet für
uns". So ist es also im Handumdrehen
fertig gebracht, daß Herr D. Koch den
alten Michelamgelo samt der Peterskuppel
und dem „Großknppelbau" überhaupt
glücklich in seinen großen „evangelischen"
Sack gesteckt hat; natürlich gehört auch
der eigentliche Vater desselben, Brunel-
leScho mit der Florentiner Domknppel
dazu, die rund 50 Jahre, um welche er
seinen Plan machte, ehe Luther geboren
wurde, machen nichts mehr aus. . . .
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