Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 39
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„Wir Kritiker sind .... eulavt8 ter-
ribles", sagt der Verfasser deS Artikels
von sich; hier stimmt es. Und vielleicht
wäre es doch besser gewesen, derselbe
hätte hier etwas weniger „eigene Ge-
danken" gehabt, und etwas mehr die
Kunstgeschichte zu Worte kommen lassen.
Sie hätte ihm gesagt, daß der ganze
Petersdom, einzig bie Verlängerung des
Schiffs ausgenommen, dieser wunderbare
Zentralbau, mit der Kuppel organisch ein
einheitliches und absolut geschlossenes
Ganzes bildet samt dem Kreuzarme- und
Querschiffsystem, und daß niemals die
katholische Einheit auf Erden und die
lückenlose, harmonische, konseguente Ge-
schlossenheit des katholischen Glaubens,
daß niemals die Katholizität der Kirche
Gottes, jene Eigenschaft, vermöge deren
sie für alle Völker und für alle Zeiten
bestimmt ist, in einem irdischen Bauwerk
so vollkommen verkörpert worden ist, als
im Petersdom zu Nom. Gerade diese
wunderbare innere und äußere Einheit
der katholischen Kirche auf Erden bildet
das hervorragendste Charakteristikum der-
selben gegenüber dem Protestantismus mit
seinem Ueberfluß an Glaubensnnterschieden,
an Sonder- und Landeskirchen, an Sek-
ten und Privatmeiuungeu. Und wollte
man im Ernste einen Vergleich anstellen
zwischen St. Peter in Rom und dem
Dom in Berlin, dann müßte man auS-
gehen von beut abgrundtiefen Unterschiede
der konsequenten Einheit des erstereu und
der, wenn auch noch so glänzend verdeck-
ten Zerrissenheit deS letzteren bezüglich des
Grundrisses.

In der gewaltigen Schöpfung Michel-
angelos aber vor allem nur die „Ab-
sicht", das Licht und die „Allhörsamkeit
des Predigers" finden, das heißt denn
doch den idealen Riesengehalt derselben
in das Prokrustesbett der nüchternsten
Nützlichkeitsprosa zwängen; um die immer
wieder so sehr betonte möglichste „All-
sicht" und „Allhörsamkeit" den protestan-
tischen Kirchen zu geben, genügt es voll-
ständig, exempli gratia die alte Stutt-
garter Eberhardskirche im Inneren zu
studieren und entsprechend zu verwerten,
wie das bereits von dem vielgenannten
Stuttgarter Architekten Fischer mit voll-
stem Erfolg in seinem Plan zur protestan-

tischen Garnisonskirche in lllm betätigt wor-
den ist.

Wollte man aber nun meinen, der
Aufsatz im „Christlichen Kunstblatt" ziehe
bestimmte praktische Folgerungen aus dem
„Nachweis", daß der Kuppelbau eigent-
lich „evangelisch" sei, so würde man weit
fehlgehen. Es genügt dem Verfasser des-
selben offenbar daran, die Peterskuppel
zur protestantischen Konfession umgetanft
zu haben (obgleich er zwischenhinein wieder
behauptet: „diese Kuppelanlagen dienten
in Rom von Anfang an dem Bedürf-
nis der Prachtliebe und der Selbstver-
st errl ich ung der Kirche"!), um den
Ruhm dieses Baues den Katholiken nicht
belassen zu müssen.

In Beziehung auf den eigenen prote-
stantischen Kirchenbau aber schwebt der
Artikel über einem wahren Tohuwabohu.
Zwar ist anfangs großtönig eingeleitet
ivorden, daß die Frage des Kirchenbaus
des Protestantismus durch eine Reihe von
fachmännischen Untersuchungen und Stu-
dien so gut wie gelöst sei und daß, wenn
der Berliner Dom heute gebaut mürbe,
er zweifellos der idealste Ausdruck des
modernen protestantischen Kirchenbanbe-
griffs werden würde; die Einweihung des
Berliner Domes wäre ein Ereignis
von kirchenbankünstlerischer Bedeutung ge-
worden, wenn schon vor zwölf Jahren
die modernen Kirchenbaufragen an den
maßgebenden Stellen hätten mitsprecheu
können; heißt es ungefähr.

Fragt man aber: was ist denn jetzt
eigentlich für eine Lösung gefunden, so
erhält man nicht bloß keine Antwort,
sondern zwischenhinein das Geständnis:
„Die Begriffsverwirrung ist groß! Die
Extreme scheinen die Morgengabe der
modernen evangelischen Kirche auch auf
| künstlerischem Gebiete zu sein." Und dann
heißt es wieder: „Evangelischer Kirchen-
ban ist eine Sache freier Entwicklnug."
Was soll das eigentlich heißen, wenn
man's praktisch nimmt? Daran reiht
sich, noch durch Sperrdruck hervorgehoben,
die Mahnnng: „Möge der Berliner Dom
einen neuen Anstoß geben, daß jede Ge-
meinde, die baut, sich klar wird über ihre
neuzeitliche Aufgabe und Verantwortung."
„Einfach und doch groß," heißt es weiter,
„erhaben und doch traulich, ernst und
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