Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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doch festlich — das must der protestan-
tische Kirchenbaustil der Zukunft sein. Er
muß erwachsen auf der Unterlage eines
Grundrisses, der dieselben inneren Gesetze
anfweist." Das sind ja sehr schöne Worte,
aber es sind auch weiter nichts als Worte.
„Wat koof ich mich davor?" würde der
Berliner dazu sagen. Und nun kommt die fol-
gende wunderbare, aber konseqnentprotestan-
tische Stelle: „lieber die Frage der Chor-
anlage entscheidet die jeweilige Stellung
der Gemeinde zum Sakramentsbegriff.
Die reformierte Kirche braucht keinen
Chor, die lutherische Kirche wird einen
besonderen, festlichen Raum für die Spen-
dung des Abendmahls nicht entbehren
wollen. In Gemeinden, wo die Begriffe
neuerer Theologie zum Ausdruck gekommen
sind, wird man um die Choranlage käm-
pfen. Der Stärkere von beiden Teilen
wird siegen. Da, wo man gegen diese
Begriffe indifferent ist, entscheidet häufig
entweder der Pfarrer oder der Architekt."
Diese „empirischen Satze", heißt es weiter,
„entspringen der Erfahrung der neuesten
Gegenwart. In dieser Zeit einen kate-
gorischen Imperativ für eine einheitliche
protestantische Kirchenbaukunst aufstellen
zu wollen, ist zum mindesten verfrüht....
Ich kann es nicht als die Aufgabe des
„Christlichen Kunstblatts" betrachten, nach
einem bestimmten Kanon die Kichenbanten
zu rezensieren. . . . Wer eine Kirche der
Allsicht und der Allhörsamkeit der Kanzel
zu stände gebracht hat, hat eine protestan-
tische Kirche geschaffen."

Diese Sätze sprechen Bände. Wir
widerstehen der Versuchung, dieselben kri-
tisch zu beleuchten, und beschränken uns
darauf, zu konstatieren, daß das vorstehende
„Programm" eigentlich eine künstlerisch-
architektonische Bankrotterklärung ist. Der
Protestantismus ist jetzt bald 400 Jahre
alt, und wenn er in dieser Zeit nicht
weiter gekommen ist, als bis zu diesen,
Kirchenbauprogramm, dann ist das gewiß
nicht imponierend. Zu seiner Entschul-
digung darf er allerdings anführen, daß
er in den ersten 300 Jahren seines Be-
stehens nur selten mit solchen Fragen zu
tun hatte, da ja „unser teurer Luther
in katholischen Kirchen das Evange-
lium trotz Seitenstellnng der Kanzel und
überlauter Sprache des Sakramentschores |

zum Sieg gebracht, hat", oder auf gut
deutscl, gesagt: da die alten frommen ka-
tholischen Kirchen einfach per vim majoris
in den Dienst des Protestantismus ge-
no,innen worden waren.

Wenn nur kürzlich gelesen haben, wie
in einem protestantischen Pfarrer-
organ eine größere Abhandlung in vier
Fortsetzungen das neue Gesangbuch der
Diözese Rotten bürg kritisch behan-
delt hat, so wird es begreiflich erscheinen,
wenn sich angesichts des gegenwärtigen
Standes des protestantischen Kirchenbanes
die Frage ans unsere Lippen drängt: wäre
es nicht besser, der betreffende Herr hätte
seine Zeit und Geistesschärfe lieber auf
dieses Problem im eigenen Hause ver-
wendet? Wichtiger als die Untersuchungen
über die katholischen Marien- und Heiligen-
lieder und über die tröstlichen und freud-
vollen protestantischen Sterbegesänge schei-
nen uns doch vom Standpunkt der pro-
testantischen Konfession die Fragen zu
sein: Wenn in einer protestantischen Ge-
meinde „die Begriffe neuerer Theologie
zum Ausdruck gekommen sind", wie steht
es a) in dem Fall, daß die kleinere im
Kampf um die Choranlage unterlegene
Hälfte der Gemeinde sich weigert, zum
Bau des Chores mitzuwirken — oder im
Gegenteil? bj in dem Fall, daß die nächste
Generation nach de», Kirchenban wieder
ihren Sakramentsbegriff ändert, sei eS iin
Sinn Luthers oder der Reformierte»?
c) in dem Fall, daß ein einsichtiger und
srommglänbiger Pfarrer gegenüber einem
modern angehauchten Architekten unter-
liegt, oder umgekehrt? Und sodann:
ist es wirklich evangelisch, die Entscheidung
über den Charakter des protestantischen
Kirchenbaus, bezw. über den Sakraments-
begriff einfach in die Hände des „stärkeren
Teils", der numerischen Mehrheit zu
lege»? Wie hat man sich sodann zu der
Frage zu stellen: eine xbeliebige Mehrheit
irgendwelcher protestantischen Gemeinde
baut eine Kirche nach modern-protestan-
tischen Begriffen; die Enkel und Urenkel
haben aber noch daran zu zahlen, obgleich
sie wieder ganz anderer Richtung sind:
kann man das billigen? Das sind nur so
einige Fragen, welche gewiß weit tiefer
ins protestantische Leben hineingreifen,
als die, in welchen, Verhältnis dies und
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