Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 41
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jciu'3 Lied des neuen katholischen Gesang-
buches zum protestantischen Lehrbegrisf
stehe. . . .

Und nun kommen wir noch auf den
Programmsatz des Artikels im „Christ-
lichen Kunstblatt" zurück, welcher lautete:
„Einfach und doch groß, erhaben und doch
traulich, ernst und doch festlich — das
muß der protestantische Kirchenbanstil sein."
Dazu können wir Katholiken ruhig, im
Besitze des allgemeinen Erfolges sagen:
Wir wissen nicht, ob einmal für katho-
lischen Kirchenban solch ein „Programm"
aufgestellt worden ist; wir zweifeln aber
daran, denn es sind darin Impondera-
bilien enthalten, welche ans keinem Poly-
techniknm gelehrt werden. Aber das wissen
wir mit absoluter Sicherheit, daß jede
katholische Kirche, mag sie dann ein
Donr oder eine einfache Dorfkirche, ein
Wallfahrtsmünster oder eine stillverborgene
Kapelle inmitten einer Großstadt, ein
einsam weltentrücktes Vergkirchlein oder
ein Prunkbau in Rokoko nnd Barock sein,
eben die Verwirklichung dieser Forde-
rnngen von Anfang an in sich getragen
hat und daß dafür das katholische Volk
bis zum letzten Alaun als Zenge cin-
steht. Das Geheimnis aber liegt nicht
ans der Seite der katholischen Architekten,
sondern es liegt auf der Seite Des-
jenigen, ivelcher den Ur- nnd Grund-
plan zu Seiner heiligen Kirche von Einig-
keit selbst gemacht hat, und Welcher mit
Seiner sakramentalen Gegenwart jede
Kirche ohne Unterschied des Stils wirk-
lich zunl Hause Gottes Selbst er-
hebt und weiht. Diese Weihe aber, diese
Warme und wundersame Traulichkeit,
dieser Ernst bei allem Festcharakter wird
nicht durch Architektenkunst der Kirche ge-
geben ; sie kommt allein von Demjenigen,
welcher zugleich der Stifter, der Bräu-
tigam und der ewige Mittelpunkt Seiner
Kirche ist.

Heber die LMonenzfklen der Sir-
tinischen Kapelle.

No» Dr. A. ©ebner i» Freiburg i. Br.

(Fortsetzung.)

Uebertrageu nur die Berufung der
ersten Jünger aus Moses und halten da-
ueben, daß Moses im Auftrag Gottes

dem Pharao sagen mußte: „Israel ist
mein Erstgeborner, laß ziehen nieinen Sohn,
daß er mir diene" (Ex. 4, 22 f.), dann
kann über den Gedanken des alttestament-
lichen Gegenstücks und über den tppolo-
gischen Zusammenhang der beiden Bilder
nicht der geringste Zweifel mehr bestehen.
Bisher hat dieses Fresko allen Versuchen,
den tppologischen Zusammenhang herzu-
stellen , getrotzt, weil man aus Vorein-
genommenheit sehr mit Unrecht in dem
Fresko in erster Linie den Untergang der
Aegppter sah (Zusammenstellung der Den-
tungsversuche bei Pastor, Päpste I I, 699 f.).
In Wirklichkeit tritt dieser für den sinnlichen
Eindruck neben der Mosesgrnppe — Maria
nnd Aaron knieen wie die beiden Jünger —
sehr zurück. Wie würden wir über einen
Künstler urteilen, der bei der Gestaltung
des Themas: „Moses beruft den Erstge-
borenen Gottes (Israel) zu dessen be-
sonderem Dienst" auf die Katastrophe am
Noten Meer ganz verzichtet hätte, zumal
da der See Genesareth im Gegenbild die
Verlegung des Vorgangs an das Note
Meer schon ans künstlerischen Nücksichten
geradezu forderte? Ein so trauriger Ge-
selle, der den großen Führer seines Volkes
an der Spitze einer kleinen, friedlich und
unbehelligt abziehenden Karawane hätte
dahermarschieren lassen, war nicht unter
den Künstlern der Sirtina.

Um die Bergpredigt ganz unzweideutig
und allgemein verständlich als die Offen-
barung Gottes durch Jesus nnd als das
neutestamentliche Gesetz zu charakterisiere»,
hat Noselli in dem neutestamentlichen Bild
des folgenden Paars auf den mittleren,
dem Sinai entsprechenden Berg die Kirche
gemalt, welche dem Beschauer sagen soll,
daß Jesus die Nacht vor der Bergpredigt
im Gebet mit Gott zubrachte, nnd aus
dem gleichen Grunde läßt er auf dein
von der Kirche talwärts führenden Felsen-
weg Jesus, von einem einzigen Jünger
j begleitet, betend herabwandeln, — das
frei erfundene Gegenstück zu Moses und
seinem Diener Josue. Wie Moses in
dem Dekalog das unmittelbar von Gott
überkommene Grundgesetz der alltestament-
lichen Theokratie, so verkündet Jesus in
: der Bergpredigt das in der R'acht ans
dem Berg von Gott empfangene Grund-
! ge setz seines neuen geistig-sittlichen Reichs.
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