Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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worden. Natürlich können unter dieser
Voraussetzung eine Menge Einzelheiten,
welche bei dem bis ins kleinste durch-
dachten Zyklus hätten beachtet und ge-
wertet sein wollen, gar nicht oder nicht
richtig mehr verstanden werden. Es ist
überflüssig, ans alle diese Dinge hinzu-
weisen, da schließlich die ganze Auffassung
des Bilderkreises auf ein merkwürdiges
Versehen zurückzuführen ist.

Steinmann hat nämlich auf dem Bilde,
das die Berufung des Moses behandelt,
die kleine (etwa zwölfköpfige) Karawane
(Moses kehrt mit seiner Familie nach
Aegypten zurück. Er. 4, 20) für den Aus-
zug des (nach Ex. 12,57) über 600 000
Männer zählenden Volkes Israel aus
Aegypten gehalten (Sixtinische Kapelle l,
404 f., vgl. 232, 235- Botticelli, 1897,

S. 51 ff.; Nom in der Renaissance,
2. Ausl. 1902, S. 69). Er hätte sehen
können und müssen, daß es dieselbe Kara-
wane ist, die ans dem vorhergehenden
Bilde von dem Engel Gottes angehalten
wird?) Der unglückliche Wurf hat trübe
Wellen anfgewirbelt.

Natürlich war der Gedanke des einen
Bildes, das die fragliche Karawane ent-
hält, so nicht mehr zu verstehen. Aber
ohne ans den Gedanken zu verfallen, daß
ihm vielleicht ein Rechenfehler unterlaufen
sei, baut Steinmann auf seiner Deu-
tung dieser Gruppe die abenteuerlichsten
Hypothesen auf. So erblickt er in der
Brunnenscene die Hauptsache des ganzen
Bildes und läßt den Künstler in dein cin

0 Steinman» hat de» Man» mit dem orien-
talische» Typus, der neben Zippora geht, ohne
weiteres Aaron benannt (Sixtinische Kapelle I,
494; Botticelli S. 53), weil er dem Aaron des
Auszugs (im nächsten Fresko) ähnelt. Allein
aus dieser Aehnlichkeit ist höchstens auf das
gleiche Modell zu schließen, nicht aber aus die
Identität der dargestellten Personen. Ghirlandajo
— oben hat der Verfasser dieses Fresko mit
Steinman» dem Noselli bezw. seiner Werkstättc
zugewiesen, glaub! aber jetzt mit triftigen Grün-
den, die an anderer Stelle zur Aussprache kom-
men, die Auffassung in dieser Frage redressieren
zu müssen — trug sicherlich gar kein Bedenken,
ein vorzügliches Modell, das Botticelli schon vor-
her verwertet hatte, seinerseits als Aaron noch-
uials zu verwenden. Hatte doch auch z. B.
Noselli den Kopf des spionierenden Juden in der
Bergpredigt einfach als Judaskopf ins Abend-
mahl übernommen und Signorelli das Modell
des Andreas in Peruginos Schlüsselübergabe
als Moses (im Abschiedsbild) benützt.

fachen biblischen Vorgang, daß Moses den
Schafen der Töchter Jethros einen Kübel
Wasser in den Trog schüttet, die erhaben-
sten soteriologischen Geheimnisse versinn-
lichen (Sixtinische Kapelle 1, 251 ff.), —
weil Sixtus IV. früher einmal ein paar
Zeilen über die Psalmstelle „Sicuta qua
effusus sum" geschrieben hatte! In Wirk-
lichkeit will die Brnnnenscene nur er-
zählen, wen die kleine Karawane vorstellt
und wie Moses zu dieser Fainilie und
Dienerschaft kam. Und eben diese dem
Moses in der Wüste dienenden Geistcr
brauchte der Künstler wieder als Seiten-
stücke zu den Engeln des Gegenbildes.

Selbstverständlich war auch das Ver-
ständnis des Gegenbilds dahin. Stein-
mann ist aber nie verlegen. Von langer
Hand hat er dein Leser das Milieit sug-
geriert, ans welchem heraus der Zyklus
entstand — natürlich so, wie er es nach-
her braucht —; er hat ihm schonend bei-
gebracht, daß er bei Sixtus IV. von
vornherein ans einige starke Knnstbarba-
rismen, welche der Selbstverhimmelnng
dienen, gefaßt sein muß. Hier also kon-
statiert er einen gewaltsamen Eingriff in
den ursprünglichen Plan. Der Papst hat
den ursprünglichen Gegenstand, die drei-
fache Versuchung Christi, in den Hinter-
grund verwiesen und den Zusammenhang
durch die von ihm anbefohlene Opfer-
scene durchbrochen. „Was bedeutet nur
die Wahl dieser Zeremonie, deren Dar-
stellung Sixtus seinem Throne gerade
gegenüber darstellen ließ? Die Tempel-
fassade im Hintergrund gibt uns die Ant-
wort: es ist die aus alten Zeichnungen
und Stichen bekannte Fassade des damals
eben vollendeten Spitals von S. Spirilo.

(Schluß folgt.)

Heck. Sin Brief Gegenbaurs.

Aus den jüngst zur Versteigeruug gelangten
Kupferstich- bezw. Porträtsnmmlungen des 4 Kunst-
händlers und Sammlers Heinr. Lemp ertz sen.
in Köln fiel mir n. a. ein Brief (auf 1 Blatt
Briefpapier, 19 cm breit und 239- cm hoch)
des Kunstmalers Jos. Anton Gegenbaur aus
Wangen i. A. (1806—76) an einen Malerfreund
in Rom namens Bravo, über welchen, insbes.
dessen Vaterland und Schicksale, mir nichts be-
kannt ist, zu. Das im Wortlaut folgende Schreiben
ist nach der Rückkehr Gegenbaurs von einem
6jährige», abernialigen Aufenthalt zu Rom in
die Heimat geschrieben und enthält die Bitte
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