Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 57
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Verlag des Rottcnbnraer Diözesan-Kiinstvereins;
Kommissionsvcrlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

- Jährlich 12 Nuiniiiern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne
O, Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung IQOO.
Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. '

Oie Entstehung der christlichen
Basiliken.

Von Stadtpfarrer vr. Ehrhart in Hcidenheim.

I.

Die Frage nach der Entstehung der
christlichen Basiliken ist in den letzten De-
zennien in der gelehrten Welt viel be-
sprochen und eingehend wie wenige knnst-
geschichtliche Fragen behandelt worden.
Eine völlige Klärung der Ansichten und
desinitive Lösung der Frage ist bis heute
nicht eingetreten. Noch steht Hypothese
gegen Hypothese, Anktorität gegen Aukto-
rität: die älteren Kunstforscher gegen die
neueren, Zestermann, Hübsch, Mothes
gegen Kngler, Lübke n. a.; Meingärtner,
Meßmer, Neber und Stockbauer gegen
Richter. Einen besonderen, von den andern
abweichenden Standpunkt vertreten je
wieder Krenser, Martigny und F.X. Kraus,
Dehio und endlich Konrad Lange. Foren-
sische Basilika, selbständige christliche Ba-
silika, ägyptischer Saal, Privatbasilika,
Katakombenkirche, erweitertes Atrium und
schola sind die Schlagwörter der ver-
schiedenen Parteien und stellen cbenso-
viele anseinandergehende Lösnngsversuche
dar.')

‘) Sehr gut orientiert über den Stand der
Frage und die Literatur Kraus' Real-Enzhklopädie
I S. 10V ff. Die neueren Abhandlungen von
Dehio (Sitzungsberichte der k. b. Akademie der
Wissenschaften, 1882, II) und Konrad Lange in
„Haus und Halle" sind nicht berücksichtigt. Seit
dem Erscheinen von Langes Werk (1885) ist ein
gewisser Stillstand in der Kontroverse eingetreten.
Crostarosas’ Le basiliche cristiane (Rom

1892) ist bereits vergriffen. Allmers, die alt-
christliche Basilika (Oldenb. 1894), kann wissen-

Die erste Untersuchiuig über den Ur-
sprung der christlichen Basiliken hat L. B.
Alberti angestellt. Er leitete sie ab von
der öffentlichen forensischen Basi-
lika, welche zugleich dem kaufmännischen
Verkehr und der bürgerlichen Rechtspflege
diente. Name und Anlage schienen die
Richtigkeit dieser Ansicht unzweifelhaft
darzutun, so daß sie vier Jahrhunderte
nnangefochten blieb. Da aber der christ-
liche Gottesdienst in den ersten drei Jahr-
hunderten meist in Privalhäusern und
nur ausnahmsweise in den Cömeterien
abgehalteu wurde, da es wenigstens für
Rom nnwahrscheinlich ist, daß in der vor-
konstantinischen Zeit eigentliche Kirchen
innerhalb der Stadt bestanden, da ferner
nicht nachgewiesen werden kann, daß selbst
unter Konstantin und seinen Nachfolgern
eine forensische Basilika in eine christliche
umgewandelt worden wäre, ist man außer-
halb Italiens voll jener Ansicht Albertis
abgegangen.

Zestermann war der Erste, welcher
Albertis Hypothese erschütterte unb an
deren Stelle folgende setzte: „Es schuf
sich der christliche Geist für die
Bedürfnisse seines Kultus, der
als eine neue Erscheinung in die Welt ein-
trat, eine neue e n t s p r e ch e n d e S t ä t t e,
die man darum Basilika nannte, weil sie
durch den Portikus der Seitenräume und
durch den über dieselben sich erhebenden

schaftlichen Wert nicht beanspruchen. Die Basilika
soll nach Allmers der Jdealthpns für das pro-
testantische Gotteshaus sei», während doch
St. Jakob in Berlin und die Friedenskirche in
Potsdam beweisen, das; die Basilika sich für den
> protestantischen Kultus nicht eignet.
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