Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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Brief an Zamoiiletic vom 11. Aug. 1482
(Sixtinische Kapelle I, 265 ff.), und wenn
nicht Pastor diese Auffassnng dadurch für
gesichert hielte, daß auch der päpstliche
Referendar Chieregati in einem Brief
»ach Basel vom Oktober 1482 den Zamo-
metic an das Schicksal Kores, Dathans
nnd Abirons erinnerte (Päpste II, 704,
Am». 2). Allein beide Belege beweisen
gar nichts. Zwischen den litterarischen
Anspielungen nnd dem Fresko mnst an
und für sich gar nicht notwendig ein Zn- !
sammenhang bestehen. Denn solche Ver-
gleiche waren vermutlich in dem Jnqni-
sitionsressort der päpstlichen Kurie ge-
läufig. Wenn aber eine Abhängigkeit an-
genommen wird — und der Brief des
Jnstitoris zwingt wohl dazu —, dann
beweisen die beiden Briese doch gewiß
nicht, daß das Fresko erst später als ein
Denkmal des päpstlichen Sieges über
Zamometic in den Bilderkreis eingeschoben
worden ist. Viel näher liegt der Ge-
danke, daß die beiden Briefsteller die
fertigen Gemälde kannten und die in der
Sixtinischen Kapelle in rein historischer
Bedeutung verwendeten Vorgänge in ihrem
Fall polemisch verwerteten.

Es war ein ungemein erfinderischer
Geist, der den Plan zu denr Bilderkreis
entwarf. Bis ins kleinste und einzelnste
sind die Darstellungen erwogen und ans
einander abgestimmt. Man versuche ein-
mal, einzelne Vorgänge unbeschadet der
Idee durch andere zu ersetzen, und man
wird sich bald überzeugen, daß dies kaum
bei irgend einer Nebenscene, geschweige
denn bei einem ganzen Fresko gelingt. So
sehr tritt jede Einzelscene in den Dienst der
Gesamtidee, daß man dem Urheber znge-
stehcn muß, er habe seiner klaren und großen
Idee den bestmöglichen Ausdruck gegeben.

Daraus folgt mit Notwendigkeit der
Schluß, daß der ganze Plan entworfen
war, ehe an die Ansführnng einzelner
Fresken geschritten wurde. Nun wissen
wir aber, daß am 27. Oktober 1481 be-
reits sechs Fresken ansgeführt waren und
daß sich die Künstler an diesem Tage bei
einer außerordentlich hohen Geldbuße ver-
pflichteten, die übrigen zehn Bilder bis
Milte März 1482 fertigznstellen. Die
Arbeit hat also sicherlich schon im An-
fang des Jahres 1481 begonnen und der

»o —

Plan muß spätestens anfangs 1481 fertig
Vorgelegen haben. Damals gab es noch
keinen Ketzer Zamometic und keinen Sieg
von Campo Morto.hj
Die Deutung des Untergangs Pharaos
als Verherrlichung des Tages von Campo
Morto wurde denn auch ans chronolo-
gischen Gründen von verschiedenen Seiten
beargwöhnt (vgl. Pastor, Päpste II, 699,
Amu. 2). Pastor, ivelcher den Auszug
ans Aegypten im vorhergehenden Bilde
von Steinmann unbesehen übernimmt
(II, S. 702) und infolgedessen für die
Störung des Gedankengangs eine Er-
klärung braucht, ersetzt die Campo Morto-
Hypothese durch Anspielung ans die
Türkengefahr. Beweiskräftig ist von den
Momenten, welche für die Annahme au-
geführt werden, kein einziges. Um etwas
Abwechslung in die Mosesgrnppe zu
bringen, macht sich Ghirlandajo verschiedene
biblische Notizen zunutze. Er illustriert
Ex. 13, 18 („Die Söhne Israels zogen
bewaffnet ans Aegypten") dadurch, daß
er in die Gruppe mehrere Krieger stellt.
Freilich macht er dafür keine archäo-
logischen Studien, sondern steckt sie in
Rüstungen modernster Art. Außerdem
halten mehrere Personen Neliquieugefüße
in der Hand, und zwar von der Art, wie
man solche eben am Ende des 15. Jahr-
hunderts am meisten sah. Das größte
trägt ein Kardinal, der wohl mit Recht mit
dem seit Jahren verstorbenen Griechen
Bessarion identifiziert wird. Dieser soll
nach des Künstlers Absicht wohl die mil-
geführten Reliquien Josephs enthalten. Da-
gegen erinnerte Pastor (II, 707), daß sich
Josephs Gebeine in einem Sarg, nicht in
einem Behälter befanden (Gen. 50, 25).

0 I» Wirklichkeit ist freilich die ganze Ent-
stehungsgeschichte des Zyklus, die ja nur auf
den Urkunden voin 27. Oktober 1481 und vom
17. Januar 1482 beruht, in Steininanns Mono-
graphie ebenso unrichtig als die inhaltliche Anf-
fassung. Ein in der Zeitschrift für christl. Kunst
erscheinender Aufsatz wird uachweisen, daß der
Durchzug durchs Note Meer im März 1482 voll-
endet war und der Untergang Kores schon damals
begonnen und im Somiuer 1482 vollendet wurde,
das; also von den „zeitgeschichtlichen Anspielungen"
auch ans chronologischen Gründen keine Rede
sein kann; ebendort werden auch zur inhaltlichen
Auffassung des Zyklus neue Beiträge geboten
werden, die manches Mißverständnis überraschend
> einfach aufhellen.
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