Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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Gl

Allein Gen. 50, 25 steht nur, daß die Inden
Joseph nach seinem Tod in einen Sarg
legten. Sie könnten seine Gebeine ja
vor dem Auszug in Behälter gelegt haben,
mie denn wohl alle Heilige, deren Reli-
qnien später in Neliqniare kamen, ur-
sprünglich im Sarge lagen. Und selbst
wenn in der Hl. Schrift stünde, die Juden
Hütten Josephs Gebeine in einem Sarg
mitgesührt, wäre der Künstler doch daran
für seine Darstellung nicht gebunden. Die
Urheber des Zyklus haben sich genau so-
lange an den Wortlaut der Bibel gehalten,
als er ihnen günstig war. Andernfalls
kümmerten sie sich nicht um den Wortlaut
und setzten sich in Gegensatz znm biblischen
Text. Demnach stellte er auch hier die
mitgeführten Gebeine Josephs einfach so
dar, wie man Ende des 15. Jahrhunderts
die Reliquien in Prozession mittrug.') Rach
Pastor (II, 699) trug deshalb Bessarion
das Neliquiar, weil er 1462 das Haupt
des hl. Andreas bei der Prozession getragen
hatte. Zur Erklärung seiner Anwesenheit
genügen auch Gründe persönlicher Natur,
die näher liegen. Immerhin ist eine
Hindentnng Bessarions auf die Türken-
gefahr möglich, doch wäre eine solche
Andeutung, wie man sieht, nur sehr ver-
steckt. Jedenfalls müssen wir daran fest-
halten: der Bilderkreis stellt einen wunder-
voll harmonisch ansgebildeten Organismus
dar, der keineswegs durch später eingetriebene
Fremdkörper zerrissen worden ist.

Verhältnis d e r D e ck e n b i l d e r znm
W a n d z y k l n s.

Mußten wir »ns notgedrungen zu der
Steinmannschen Monographie und damit
zu der augenblicklich herrschenden Auffas-
sung in entschiedenen Gegensatz stellen, so
wissen wir uns anderseits in Ueberein-
stimmnng mit derjenigen Autorität, der
hier allein das entscheidende Wort zukommt,
mit Michelangelo.

Dieser schloß sich mit seinen Decken-
gemälden aufs engste an den Wnndfresken-
zyklns an. Das genauere Verhältnis wird
nach dem Vorgang Lübkes (Geschichte der

’) Daß wir in der Tat an die Gebeine Josephs
denken müssen, beweist die Tatsache, daß anch
Aaron int Sinaibild bei der zweiten Rnckknnft
Mosis, wo sicher jede zeitgeschichtliche Anspielung
ansgeschlossen ist, ein hielignicngesäsi tragt.

italienischen Malerei II, 97) gewöhnlich
in der Weise angegeben, daß man sagt,
Michelangelo habe sich an die bei typo-
logischen Bilderkreisen üblich gewordene
Dreiteililng des Stoffes gehalten, indein
er als Ergänzung zu den Wandbildern,
welche die Geschichte Mosis (Zeitalter
n n t e r dem Gesetz, sub lege) und Christi
(Zeitalter der Gnade, sub gratia) seiner-
seits in den neun Hauptbildern das Zeit-
alter vor dein Gesetz (ante legem) ge-
schildert habe, während die drei übrigen in
dem architektonischen Prachtgerüst nach
einer idealen Namilvorstellung abgestuften
Zyklen (Propheten und Sybillen als Ver-
künder des Messias im Gottesvolk und
in der Heidenwelt, die vier Rettungen
Israels imb die Vorfahren des Messias)
die Jdeenreihe zum Wandzyklns über-
leiten. Allein wenn wir selbst glauben
wollen, daß neben dem gewöhnlichen und
natürlichen typologischen Parallelismus
wirklich eine solche Dreieckstypologie her-
ging, dann trifft das sicher auf die Six-
tinische Kapelle nicht zu. Von den acht
Fresken der Mosesreihe liegen doch genau
die Hälfte nicht unter, sondern vor
dem Gesetz (ante legem). Anderseits
versteht man bei der genannten heilsge-
schichtlichen Dreiteilung unter dein Zeit-
alter vor dem Gesetz die Zeit vom Sün-
denfall (im allerweitesten Sinn von der Er-
schaffung Adams) bis zur Gesetzgebung
am Sinai. Hätte also Michelangelo wirk-
lich die „Zeit vor dem Gesetz" schildern
wollen, dann hätte er die ersten drei Mittel-
bilder weglassen müssen und neben der
breiten Schilderung der Geschichte Roes
die heilsgeschichtlich sehr wichtige Geschichte
Abrahams und Jakobs doch nicht ganz
übergehen können.

Des Rätsels einfache Lösung liegt darin,
daß Michelangelos genialer Prolog zum
Wandzyklus sich nicht bloß darin, daß er
dessen Stoffkreis nach rückwärts ergänzte,
sondern anch in der Auswahl und An-
ordnung der Historien aufs engste an
die Disposition des Wandzyklus anschließt.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal
die Anordnung des Wandbilderkreises.
In den drei ersten Bilderpaaren schreitet
die Reihe zu ihrem ersten Höhepunkt.
Doch die ganze Triade enthält inhaltlich
nur die Vorbereitung zur zweiten Triade,
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