Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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Die zweite Gestalt, fast vollständig ver-
nichtet durch Ausbrechen des Stuckes, ist
nach einer Stelle des ebenfalls sehr be-
schädigten Textes ergänzt, stellte aller
Wahrscheinlichkeit nach einen Kapellan
dar, wie auch der Lübecker Totentanz an
dieser Stelle den untersten, geistlichen
Würdenträger anführt. Dann folgt der
Offizial, von dein nur der untere Teil
des seinen Stand als geistlicher Richter
charakterisierenden roten Gewandes er-
halten war. Bon Interesse ist das Wechsel-
gespräch zwischen ihm und dem ihn am
Arm fassenden Tod:

„Ihr kluger, weiser Mann, Herr Offizial,
Euer Zeitenbuch ist in dem Dekretal.

Gott hatte Euch viele Willkür gegeben.
Möchtet Ihr hier nun ewiglich leben.

Was Hilst Euch das viele Appellieren,

Ihr müstt mit mir in den Tanz spazieren."
(Gp muthen met mp an Dantz banieren.)
„Ach, Tod, ich habe das wohl eher ge-
lesen.

Daß deines Gerichtes niemand kann ge-
nesen;

Der Richter ist ein so hoch gestellter

Mann,

Das; von ihm niemand wohl appellieren

kann.

Was hilft's, das; ich viel blase den Wind,
Doch hilf mir nun Jesu, Mariä Kind."

An vierter Stelle folgt der A u g u st in e r
in grauer Kutte mit einem schwarzen
Strick umgürtet. Der Tod spricht zu
ihm:

„Herr Augustiner, geistlicher guter Mann,
Folget mir auch nach und scheidet davan!
Die Begabung (beghistinge) ist Euch nicht
gegeben.

Daß Ihr hier könnt ewiglich leben.

Drum seht, wie ich Euch vor kann reihen
(= vorlanz den Reihen)
Die Geistlichen sterben gleich wie die Laien
(ghestligen, leygen)."

Der Augustiner spricht:

„Ach, lieber Tod, wie kommst du so bald

(drade),

Wart doch so lange, bis daß ich dich lade.
Aber du bist ein seltsam wunderlicher

Kumpan; ,

Ob ich will oder nicht will, ich muß mit

dir gähn.

Dazu sind alle Menschen auserkoren.

Hilf, Jesus, daß ich nicht geh verloren."

Neben ihm steht der Prediger, ein
Dominikanermönch mit schwarzem
Mantel und weißem Habit:

„Herr Prediger, Ihr sollt Euch nicht
wehren.

Und Euch nicht zu sehr gegen mich sperren.
Ich bin der Tod, Euer höchster Gesell',
Tanzet nun mit mir und machet schnell.
Viele Predigten (scarmam) habt Ihr
von mir gemacht (gcdan),
Run müßt Ihr auch mit mir an den
Tanz gähn."

„Ach, guter Tod, gib mir doch noch länger

Frist,

Wenn du inein alter, liebster Kumpan bist.
Ach, mich dünket, ich kann nicht mit dir

gewinnen.

Ach was soll ich armer Mann nun beginnen!
Schnell sterben ist ein großer Unfall.

Hilf mir, Jesu, und den Geistlichen all'."

Nun kommt der Kirchherr (kerkhern)
in rotem Gewand, unter dem ein licht-
grauer Talac hervorragt, eine stattliche
Erscheinung mit Lockenhaar und Barett,
mie alle bisherigen Gestalten, ganz porträt-
mäßig, vielleicht als Konterfei des wür-
digen Pfarrherrn der Marienkirche ge-
dacht :

„Herr Kirchherr, Euch ist viel empfohlen;
Ich bin der Tod, ich will Euch nun auch

holen.

Es ist Euch über die Maßen wohl ge-
lungen.

Wenn Ihr das Requiem habt gesungen.
Hebet es nun auch Euretwegen an.

Ich will Euch vortanzen, also ich mahn'."
„Ach, allmächtiger Gott, was ist das Leben,
Daß uns allen dieses ist gegeben.

Wenn der Tod kommt, schnell zu sterben!
Ach, möchte ich Gottes Huld erwerben,
So ivollt ich fröhlich mit dir gehen;

Hilf mir, Jesus, so mag's mir wohl

gelingen!"

Der siebte im geistlichen Totentanzreigen
ist der Kartäuser in weißem Habit und
dunkelrotem Mantel, die Kapuze über den
Kopf gezogen; den Mönch mit seinen
ernsten, nachdenklichen Zügen mahnt der
Tod in den teilweise verstümmelten Versen:
„Herr Kartäuser und geistlicher Vater,
Die Menscheu müssen sterben insgesamt
(De menskeu muthen sterven alle gader),
Den Regeln und Gesetzen folgen nach,
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