Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 70
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violetten Gewand mit dunkelblauem
Nankenmuster, hellblauem, mit breiten
Goldborten eingefaßtem Mantel, roter,
goldgesäumter Mitra auf dem feinge-
schnittenen, schwarzhaarigen Kopf. Ihm
folgt der Kardinal in blauem Unter-
gewand, rotem Mautel uud Hut. Der
Tod spricht zu ihm:

„Herr Kardinal mit dem roteu Hut,

Ihr müßt jetzt mit, wie ich vermut'.

Der Gewalt konntet Ihr gar wohl vor-
stehn.

Dafür müßt Ihr nun mit mir an den Tanz

gehn.

Wartet nicht lange, sondern kommet mit.
Ich will Euch nun lehren des Tanzes

Sitt'."

Die Antwort des ob seines mächtigen,
hohen Amtes berühmten Kardinals ist bis
auf ein „ap" und „ja" verloren. Den
Schluß des geistlichen Reigens bildet die
Gestalt des Papstes mit der dreifachen
Krone, der Tiara, auf dem Haupt, in
der Rechten das Doppelkreuz. Die edle,
schlanke Gestalt mit dein ernsten Gesichts-
ausdruck schmückt besonders reiche Ge-
wandung : blaugrünes Damastgewand

über weißem Talar und roter, gemuster-
ter Mantel mit breiter Goldborte. Ihn
schieben der vorausgehende und der nach-
folgende Tod, letzterer allein ohne das
nmgeworfeue weiße Grabtnch, mit ge-
wisser Anstrengung, wit schrecklicherem
Grinsen und höhnischeren Grimassen von
beiden Seiten fort.

Mit diesen 14 Paaren endet der erste
Teil des Gemäldes, der Neigen der
Geistlichen. Der zweite Teil, der Neihen-
tanz der Weltlichen, ist von diesem durch
ein Mittelbild an der schrägen Fläche
des nordwestlichen Eckpfeilers getrennt,
eine Kreuzesgruppe, etwa ein Drittel
kleiner als die übrigen Totentanzbilder,
durch braune Streifen, ähnlich den um
das ganze Gemälde sich ziehenden Rahmen
von den beiden Reigen geschieden. An
dem aus bräunlichem Felsen aufragenden
Kreuze hängt Christus mit gesenktem
Haupte und herabwallendem, dunklem
Haar, rotem Kreuzuimbus auf grünein
Grund, darüber unmittelbar die Krenzes-
inschrift: I. bl. 11. I. Zur Rechten des
Kreuzes steht M a r i a in blauem Ober-
gewand, weißem Untergewand und Schleier;

alles in reichem Faltenwurf; das Haupt
ist schmerzlich gesenkt, die gefalteten Hände
sind nach oben gerichtet, Schmerz und
Ergebung trefflich malend. Zur Linken
steht der blondgelockte Lieblingsjünger
Johannes, mit gefalteten Händen zum
Heiland aufblickend. In rotem Mantel
über blauem Untergewand steht er in
anbetender Stellung da. Goldgelber Rim-
bus strahlt über dem Haupte von Maria
und Johannes. Unten zu beiden Seiten
des Kreuzes stehen sechs winzige Gestalten,
nur in de» dürftigsten Umrissen in Kegel-
form angedeutet, wohl die Stifter des
Gemäldes. Rührend ist die noch teil-
iveise erhalten gebliebene Inschrift unter
beut Kreuzbild:

O Christeumeuschen, arme und reiche, seht,
wie ich für euch leide
Und witliglich gestorben bin. Ihr.müßt
alle mit.

Wie muß ich tragen von scharfem Dorne
solchen Kranz!

Kommt alle mit mir an den Totentanz!

Ihr geistlichen Christen, groß und kleine_

. . . . seht, wie ich für euch leide den
bitteren Tod. Ihr

Müßtfalle sterben, — das ist not — au
dem Totentanz.

. . . . Ihr müßt auch tanzen . . . .

Run zieht sich von hier aus, während
der geistliche Reigen dem Kreuze zuge-
waudt war, in einer der Krenzesgruppe
abgewaudten Richtung zur Linken der
Totentanz der Laien hin. Uud wie dort
mit dem höchsten Würdenträger geschlossen,
so eröffnet hier die Reihe der höchste
Weltliche. Ob in dieser auffallenden Ab-
wendung vom Kreuze die geistige Abiven-
dnug der Weltlichen vom Himmel fym-
bolisiert werden soll, oder ob die Rück-
sicht auf die Oertlichkeit des Gemäldes
hiefür bestimmend war, läßt sich nicht
wohl entscheiden. Wahrscheinlich ist letz-
tere Annahme; suchen ja alle Teilnehmer
am Totentänze ans beiden Kreisen in
ihren Klagen an den Tod Trost und
Hilfe beim Gekreuzigten, dessen Bild in
der Mitte zweier Reihen eine Ausnahme-
stellung gegenüber den anderen Toteutanz-
gemälden einnimmt.

Der Kaiser ist mit Krone und Scepter
und dem Reichsapfel, goldgelbem, weit-
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