Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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ärmeligem, gemustertem Obergewand und
weißem Untergemand, dunklem Haar und
Bart geschmückt. Schonungslos redet ihn
der zum Tanz auffordernde Tod an:
„Herr Kaiser stolz, edel und mächtiglich,
'Auf Erden habt Ihr gehabt das Himmel-
reich.

Ein gutes, treffliches, stattliches Weib, dazu
Pferde schöne.

Nun leget nieder schnell die goldene Krone.
Haltet Euch zu dem Totentänze bereit;
Ihr müßt mit, es sei Euch lieb oder leid.
O gütiger Christ, barmherziger Gott!
Ich muß sterben des Todes, es ist kein Spott.
Und gehe an diesen Tanz der Betrübtheit.
Verlassen alle dieser Welt Herrlichkeit."

Ihm folgt zunächst die Kaiserin,
eine jugendliche, schlanke Gestalt mit wei-
ßem Schleier unter der Krone, das rote,
schleppende Obergewand mit der Rechten
emporraffend, so daß das blaue Unterge-
wand hervorschant. Auch sie verschont
der unerbittliche Tod nicht:

„Kaiserin, als hohe Frau geboren.

Ich habe Euch sonderlich auserkoren:
Ihr müßt zu des Todes Tanze ja mit,
Nachdem Ihr gerne getragen alt' die neuen

Kleider,

Macht Ende und tut mich fassen an die

Hand,

Ihr müßt schnell mit mir in ein anders

Land.

Die Klage der Kaiserin ist nur in
Bruchstücken der zwei ersten Zeilen
erhalten.

O weh mir armen Weibe....

Daß ich gelebt Hab . . . ."

Der Kaiserin folgt die ehrfurchtgebietende
Gestalt des Königs, ans dem blond-
gelockten Haupt die Krone, in der Rechten
das Scepter, in kurzem, ornamentenreichen
Goldgewande, mit weißen Strümpfen und
blauen Schnabelschuhen. Aus der Anrede
des Imperator Mors an den Herrscher
sind nur die folgenden vier Zeilen erhalten:
„Herr König, mit manchem goldenen Stück,
In dieser Welt habt Ihr gehabt groß Glück.
Alle Menschen sind nach Eurem Willen

gewesen.

An den Tod dachtet Ihr nicht ein wenig."

Neben ihm steht der Herzog in stolzer
Haltung, vom Kopf bis zum Fuß ein ge-
harnischter Ritter, in der Rechten ein
großes Schwert; der Tod, der seinen
Arm mit der rechten Hand ergreift, streckt
auch die andere Hand nach seinem Opfer
aus, als wollte er etwa bewaffnetem
Widerstand des Ritters Vorbeugen:

„Herr Herzog (Hertogj, mächtig, tüchtig
zn Felde,

Manchen (Armen) unterdrücktet Ihr mit
Gewalt,

Manchen Neichen wußtet Ihr zn be-
zähmen (bethemen).
Ich will Euch auch bei dem Leibe nehmen.
Ich lad Euch schnell an den Totentanz
(Dodendantz)."

Die Antwort des Herzogs, wie die des
folgenden Ritters ist, wie an vielen an-
dern, weit nach unten reichenden Stellen,
fast ganz zerstört.

Der Ritter, ein blond gelockter,
junger Mann ohne Helm, in einer, an
Schultern, Ellenbogen und Kniescheiben
vergoldeten Rüstung, wird vom Tode also
angeredet:

„Herr Ritter, mit Eurem Harnisch stolz.
Hier habt Ihr getragen das rote Gold,
Habt Euch an Ehren genug getan;

So mögt Ihr nun fröhlich mit mir gan;
Leget das scharfe Schwert von Eurer

Seiten,

Ihr müßt mit mir an den Totentanz

gleiten."

Nach diesen Vertretern des Adels folgt
der B ü r g e r m e i st e r, ein würdiger Herr
in dunklem, pelzverbrämtem Mäntel und
schwarzem Barett, vom Tode also ange-
sprochen :

„Herr Bürgermeister von großem Staat,
Ihr seid der Oberste in dem Rat.

Das gemeine Beste stand in Eurer Gewalt,
Dazu das Recht der Armen wohl tausend-
falt.

Seid Ihr dem Allem wohl vorgewesen,
(= gut vorgestanden)
So. mögt Ihr dieses Tanzes genesen."

B ü r g e r m e i st e r:

„Ach guter Tod, ich kann Dir nicht ent-
weichen.

Du holst den Armen und den Neichen,
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