Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 74
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Ansicht liegt mir in bereu Einseitigkeit
und Ausschließlichkeit. Den» er hat den
richtigen Gedanken ausgesprochen, das; der
christliche Geist und das Bedüisnis des
Kultus bei dem alt christlichen Baustil
schöpferisch und bildnerisch tätig waren.
Aber sie waren eben nicht die alleini-
gen Schöpfer und Bildner.

Das Ergebnis der bisherigen Forschungen
in der Frage dürfte demnach folgendes
sein. Die christliche Basilika verdankt
ihre Entstehung und Entwicklung ver-
schiedenen Faktoren ästhetischer und prak-
tischer, geschichtlicher und technischer Art;
ihre Vorstufen und Vorbilder hat sie be-
sonders in den Scholae der Kollegien,
in den privaten und forensischen Basiliken.

lieber die Historienzsklen der Six-
tinischen Kapelle.

Von Dr. A. ©votier in Freiburg i. Nr.

(Schluß.)

Bis heute bemüht man sich, ans den
sechs ersten Bildern das Sechstagewerk
herauszufinden bezw. diesen Bildern das
Hexaemeron nach dem I. Kapitel der
Genesis anznkleben. Alle diese Versuche
waren erfolglos und müssen es sein, weil
Michelangelo gar nicht das Sechstagewerk
nach der Bibel schildern wollte, sondern
ganz frei Momente aus dem Schöpsnngs-
bcricht für seine Zwecke zusammengestellt
und verwertet hat.

Im ersten Bild sehen wir, wie Gottvater
das Chaos, die Materie, erschafft und
zu scheiden beginnt. Von der Seite taucht
die Halbfignr des Schöpfers ans und mit
einer Armbewegnng, wie man sie beim
Schwimmen macht, treibt er die belichtete
Materie nach links, die unbelichtete nach
rechts. Im nächsten Bild setzt sich der
gleiche Schöpfnngsnkt fort. Von der Seite
fliegt der Schöpfer durch den Raum daher
und durch seinen allmächtigen Willen ballt
er mit der Rechten den unbelichteten, mit
der Linken den belichteten Stoff zu Welt-
körpern. Daneben erscheint die Figur des
Schöpfers in dieser Fläche ein zweites Mal.
In genialer Verkürzung nach rückwärts
mit Gedankenschnelle davonschwebend, hat
er ans die Erde das Leben gesät und nun
sproßt ans dem Erdreich die Flora. Im
dritten Bild schwimmt der Schöpfer von

rückwärts in den Lüften über dem Wasser
daher, so daß er zu ruhen scheint. Wäh-
rend der Künstler im vorhergehenden
Bilde im Antlitz Gottvaters in unnach-
ahmlicher Weise das „Es werde" ausge-
prägt hat, schaut Gottvater hier befriedigt
und sinnend zugleich auf die Wasserfläche
herab. So erreicht die Erzählung in
diesem Akt einen Ruhe- und ersten Höhe-
punkt. Den Stoff, die Weltkörper, das
Leben hat Gott geschaffen, und er sieht,
daß alles gut ist, aber er sinnt auch schon,
wie er noch Wunderbareres hervorbringen
könne?) Das alles war nur ein Vorspiel.

„Laßt uns den Menschen machen nach
nnserm Bild und Gleichnis." Mit diesem
göttlichen Entschluß beginnt die zweite
Triade. In Sturmeseile naht wieder
von der Seite der Schöpfer und läßt in
den Leib des ersten Menschen aus seinem
Zeigfinger die Lebenssunken überspringen.
Es ist sein Meisterwerk, dieser idealschöne,
gottebenbildliche Adam. Doch nicht genug.
„Es ist nicht gut, daß der Mann allein
sei, wir wollen ihm eine Gehilfin machen."
Nachdem Michelangelo in dem folgenden
Bild die Erschaffung des Weibes geschil-
dert, ein Werk von ergreifend kind-
licher Auffassung, führt er »ns im sechsten
Bild auf den Höhepunkt der ganzen Reihe.
Das Paradiesesglück des ersten Menschen-
pnares, seine UebertretnNg des göttlichen
Gebots und die jähe Verstoßung des ge-
fallenen Menschen ins Elend sind zu einem
Werk von erschütternder Tragik verbunden.

In der Sünde Adams, „in welchem
wir alle gesündigt haben", gipfelt die
Jdeenreihe des Zyklus. Der Sündenfall
des ersten Menschenpaares und die Erb-
sünde sind Grund und Grundlage der im
Wandzyklus verherrlichten Heilsveranstal-
tnngen Gottes.") Die letzte Triade gibt
eine Art Rück- und Ausblick.

1) Nur als Ruhe- und erster Höhepunkt in
der Neihe läßt sich das dritte Bild erkläre».
Den» von den Fischen und Seetieren, die bis
heute in hergebrachter Weise in die Wasserfläche
hinein gesehen werden, läßt auch die schärfste
photographische Ausnahme keine Spur entdecken.

2) Wie hier die geineinsanie Schuld des Mannes
und Weibes an der Störung der göttlichen Heils-
ordnung, so koninit in den vier Historien der
Eckzwiclel der beiderseitige Anteil an ihrer Wie-
derherstellung 311111 Ausdruck. Ein Bild der Ein-
gangswand schildert den Sieg Taoivs über
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