Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 75
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Die frühere Deutung der Opserscene
im siebten Feld als Opfer KainS und
Abels wie die frühere Annahme, daß
Michelangelo ursprünglich daS Opfer der
beiden Brüder darstellen nwllte und erst
später- seinen Plan änderte, sind beide
gleich unbegründet. Vielmehr hat Michel-
angelo, dem es gleich den Urhebern des
Wandzyklns weniger ans die Chronologie
als ans die Sache und den Gedanken
ankain, hier die chronologische Folge ein-
fach verkehrt, weil er für die Sündflnt
die größere Fläche brauchte und zudem
so sein Gedanke, die Neuerschaffnng des
Menschengeschlechts, schärfer hervortrat.

Die Nachkommenschaft des aus dem
Paradies verstoßenen Menschenpaars war
ihrem Gott bald so sehr entfremdet, daß
dieser die Vernichtung »nd Neupflauznng
der Menschheit beschloß. Die einzige gott-
getreue Familie ist dem Strafgericht ent-
gangen und bringt Gott dafür ein Dank-
opfer dar. Man sollte meinen, der Mensch
sei nun belehrt und gewarnt. Aber noch
die gleiche Generation fällt wieder in
Sünden (Noes Trunkenheit und das Ver-
halten seiner Söhne). Der Mensch im
Zustand des verlorenen Paradieses ver-
niag sich eben nicht ans sittlicher Höhe zu
halten. Es bedarf eines besonderen Ein-
greifens Gottes, der in der „Fülle der
Zeit" das Menschengeschlecht wieder zu-
rücksührt ins Paradies, ins „Himmelreich
ans Erden", die Kirche.

So bildet Michelangelos Deckenzyklns

Goliath, das zweite die Heldentat der Judith,
das eine Fresko an der Altarwand die Rettung
Israels dnrch den Aufblick z» der am Kreuz er-
höhten ehernen Schlange, das andere die in.
Estherbuch erzählte Rettung des Gottesvolkes.
Im letztgenannten Bild verherrlicht Michelangelo
nicht den an seinem ivohlvecdicnten Galgen bau-
»iclndcn Aman als Vorbild Christi, wie Slein-
i»ann meint (Sixtinische Kapelle II, 217, 376,
428), sondern natürlich die Esther, die ihr Volk
vor der ihm durch Aman zugedachten Ausrottung
bewahrte. Die eherne Schlange und David als
Sieger über den Niesen waren von jeher Typen
Christi, des „zweiten" oder „wahren Adams",
Judith und Esther dagegen Marias, der Gottes-
mutter, der „zivciten" oder „wahren Eva". Die
gleiche Idee, Betonung des gemeinsamen Anteils
des Mannes und des Weibes an der Verwirk-
lichung des göttlichen Heilsplans, nicht ein bloßes
Abwechslungsbedürfnis, liegt auch den Ahnen-
bildern sowie der Propheten- imb Sibyllenreihe
zu Grunde.

den besten Beweis für die Nichtigkeit
unserer Deutung des Wandzyklus, und
umgekehrt läßt das richtige Verständnis
des Wandbilderkreises, das allerdings seit
den Tagen Michelangelos verloren war,
die größte und genialste Schöpfung des
Künstlertitanen Michelangelo in einem ganz
neuen Lichte erscheinen. *)

Christus am Areuz.

(S. Beilage.)

Wir bringen hier als Beilage die Ne-
prodnktion eines Gemäldes „Christus am
Kreuz", das sich als Altarbild — es ist
in Dreiviertellebensgröße gemalt — für
eine Kirche oder Kapelle vorzüglich ver-
wenden ließe. Die Anffassnng ist, wie
schon unsere Abbildung zeigt, eine sehr
ernste und würdige. ES hat sich, wie
mir scheint, der junge Künstler die Situation
folgendermaßen gedacht: Christus der Er-
löser, dessen Körper so viel Qualen und
Marter erdulden mußte, ist eben gestor-
ben; der Aufruhr der Elemente, wie ihn
die Leidensgeschichte der Evangelisten er-
zählt, hat sich gelegt, die Wolken teilen
sich und cs beginnt auch in der Natur
die Ruhe einzntreten, wie sie nach den
Worten: „Es ist vollbracht" beim Heiland
am Kreuze eingetreten ist. Das Licht
kommt von oben und konzentriert sich auf
dein Oberleibe des Gekreuzigten, der sich
deshalb auch aus dem dunkleren Raume
leuchtend und sehr wirkungsvoll abhebt.
Die Lichtfläche am Horizonte ist auf dem
Gemälde rot und soll den Beschauer noch
ahnen lassen, wie schrecklich der Aufruhr
der Natur beim Tode Jesu gewesen sein
mußte.

Der junge Meister des Werkes ist unser
Landsmann Franz Kräntle, ein Sohn
des als Meister in seinem Fach weithin

*) Eine glänzende Bestätigung findet »nseee
Deutung des Wandfreskenzyklus zugleich durch
die Rafsaetschen Sixtinatapete». Deren ursprüng-
liche Anordnung und Idee, die freilich gleichfalls
seit Jahrhunderten verloren war, wird ein Anf-
satz in der Monatsschrift „Tie christliche Kunst"
Nachweise». Auch der neuestens von Steimnän»
gemachte Versuch zur Lösung dieser Frage (Jahr-
buch der kgl. prcuß. Kunsts. XXIII 186 ff.), der
auch in die Pastorsche Papstgeschichte (IV 1, 1906,
505 f.) überging, ist aus verschiedenen Gründen
von vornherein unmöglich.
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