Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 77
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kserausgcgeben und redigiert von Pfarrer Detzcl i» St. LIiristiila-Ravciisbiirg.

Verlag des Rottcnburger Diözesaii-Amistvereiiis;
Kammissionsverlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

« o jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne

JjkV. O, Bestellgeld. Durch den Buchhandel soivie direkt von der Verlagshaudlung

Friedrich Alber i» Ravensburg pro Jahr M. 4.10. ^ '

Lin neuentdecktes Totentanzgemälde
ans dem Mittelalter in der deutschen
Reichshauptstadt.

Von Dr. Auton Nägele in Niedliugeu.
(Fortsetzung.)

Unter eigenartigem Titel, ähnlich wie
auf dem Dresdener Tatentanzrelief und
im Berner Totentanzgemälde, erscheint der
Handwerks mann in der Reihe der
zum Totentanz Abgeholten: „her ampt-
man", so hießen im Mittelalter die Hand-
werker. In hellviolettem Rock, dunklen
Hosen und Barett und blauer Tasche am
Gürtel. Sarkastisch klingt manche An-
spielung in dem Vers:

Tod:

„Herr Amtmann, gut, von Wohlgebahren,
Ihr seid gewesen ein Mann, wohler-
fahren ;

Ihr konntet wohl Euer Amt behende

leiten.

Jetzt müßt Ihr mit in den Totentanz

gleiten.

Springet auf, ich will Euch Vorsingen;
Seid Ihr gut gewesen, so mag's Euch wohl-

gelingeu."

Amtmann:

„Ach, mächtiger Gott, was ist meine

Kunst,

Da ich nun gekriegt habe Gottes Un-
gunst !

Den heiligen Tag Hab' ich nicht gefeiert.
Sondern in dem Kruge herumgebracht.
Ach, Christus, wollst mir das vergeben.
So möchte ich mit Dir nun ewig leben."

Der Einzige, der in unserm Berliner
Totentanz gar kordial mit „Du" und „Herr
Vetter" (Herr wedder Bure) angeredet

wird, ist der Bane r. Ein armer Mann,
auf plumpen Holzschnhen einherstolpernd,
in grauem Kittel und Barett; er ist der
Einzige, der als „dummer" Bauer den
Tod durch einen „Kuhhandel" zu besteche»
sucht:

„Herr Vetter, Bauer, Du mußt mit,

Und tanzen nach Deiner alten Sitt'.
Deines Ackers Arbeit ist ganz verloren.
Die Du über Gott hattest auserkoren.
Leg nieder die Pflugschar und den Stachel
Du mußt sicher mit in den Neigen."
Bauer:

„Ach, guter Tod, ich versäumte Gottes
Tugend

Spare ein wenig noch meiner jungen
Jugend,

Und gib mir wenigstens noch den ersten zu.
Ich geb' Dir dafür auch eine fette Kuh.
Doch ich seh' wohl, Du willst nicht da-
nach fragen.

Ach, hilf, Christus, es geht mir au den
Kragen."

Die drei letzten Figuren sind leider
teils über, teils unter der Hälfte, teils
bis auf geringe Farbspuren vernichtet
und ebenso hat der Text sehr gelitten.
Die nächste Gestalt nach dem Bauer ist
der Betrüger, der nach der neuesten
Restauration allerdings größtenteils wieder
sichtbar geworden ist, das erste Beispiel
für die Verwendung dieses Typus im
Totentanzreigen. Er trägt ein talarartiges
Gewand mit weißen und roten Streifen
und weiße Schuhe. Mit einigen sicheren
Ergänzungen lauten die Verse:

Tod:

„Betrüger, Ihr müßt jetzt mit.

Falsch zählen, abziehen ist ja Eure Sitt',
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