Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 87
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und erweckte in ihm die Vermutung einer
Wandmalerei, die sich denn nach wenigen
alsbald augestellteu Versuchen als richtig
erwies. Nach planmäßiger Losschäluug
der dicken, offenbar mehrmals erneuerten
Tünchrinde kam der so lang verschwundene
Totentanz 511111 Vorschein, ein friesartiges
Wandbild auf den Flächen der vor-
springenden Strebepfeiler und den da-
zwischen liegenden Wandfeldern der nörd-
lichen Seite der Tnrmvorhalle; im ganzen
326Quadratfuß bemalter Flächenranm nach
Lübkes Berechnung (S. 10). Wir sehen
einen engen Reigen von 14 geistlichen
und 14 weltlichen Personen, dem Range
nach geordnet und nach beiden Ständen
streng geschieden, jede der 28 Gestalten
vom Tode anfgeführt; die zwei Neigen
scheidet ein Kruzifix an der Wand mit
Maria und Johannes. Die Darstellung
beginnt mit dem geistlichen Neigen vom
Papst bis zum Küster an der Schräg-
seite des einen nördlichen der zwei Hanpt-
strebepfeiler der westlichen Turmhalle, setzt
sich an den übrigen Seiten desselben
Polygonpfeilers und an der Westwand
bis zu der schmalen Pfeilerseite fort. Die
schräge Fläche des Eckpfeilers nimmt das
Kruzifix ein, dann folgt der Neigen der
Laien vom Kaiser bis zur Mutter oder
Amme mit Kind an der Nordwand und
an den Seiten des folgenden Pfeilers.
Unter jeder 7 Fuß 2 Zoll über dem Fuß-
boden ans feinem aber nicht immer eben
anfgetragenem Stuck angebrachten Figur
ist ein 20 Zoll hoher Streifen mit je 12
Verszeilen, ausgenommen das Bild des
predigenden Franziskaners mit 14 und
des Gekreuzigten mit 8 Zeilen. Das
ganze Gemälde ist von einem breiten,
schwarzbrannen Streifen rahmenartig ein-
gefaßt.

Die Farben sind unter der schützenden
Tünche leidlich erhalten geblieben, jedoch
etwas abgeblaßt; sie haben nach Lübke
(12) an ursprünglicher Kraft, keineswegs
aber an Harmonie eingebüßt; die Zeich-
nung der Gestalten in einfachen Um-
rissen ohne Schattenangabe mit wenig
Faltenwurf oder anderen Beigaben hat
vielfach, besonders an den Gestalten des
Todes, an Deutlichkeit verloren. Diesen
ursprünglichen Eindruck nach erstem Finder-
glück kann ich nicht konstatieren, da

ich die Wandbilder nur in ihrer wohl
zwei Jahrzehnte nach Lübkes Aufnahme
restaurierten Gestalt gesehen habe.
Zur Zeit ihrer Entdeckung muß der erste
Eindruck ein weit schwächerer gewesen sein.
Einmal hat die oben erwähnte Aufrichtung
von Empore und Treppen einen Teil der
Gestalten im Laienreigen fast ganz zer-
stört, andere haben durch das vom Fenster
her einströmende Negenwasser gelitten;
stellenweise war die Grundierung bis ans
das nackte Ziegelwerk verschwunden; im
Geistlichenreigen ist so die Gestalt des
Offizials und Kaplans sehr zu Schaden
gekommen. Durch andere unbestimmte
Einflüsse ist das Ende des Wandbildes
mit den Figuren des Bauern, Betrügers,
Kochs bezw. Narren oft bis zur Hälfte
nur unverletzt geblieben; die allerletzte
Gestalt aber kann nur nach Analogie mit
anderen Totentänzen mit größter Wahr-
scheinlichkeit als die von Mutter (oder
Amme) und Kind erraten werden, da an
der Stelle sich nicht einmal mehr eine
Kontur, nur rote und graue Farbspnren,
vorfanden. Trotz alledem fanden die
ersten Entdecker das Ganze bei seiner
großen Ausdehnung und den vielen un-
günstigen Ereignissen, die das Bilo ge-
troffen, besser erhalte», als man nach all
dem vermuten sollte.

(Fortsetzung folgt.)

cLllwauger Airchenschatz.

Von Rechnungsrat Marquart, Ludwigsburg.

Daß der Ellwanger Kirchenschatz sowie
die Kirchenparamente, welche zur Zeit der
Säkularisation im Jahre 1803 an Würt-
temberg kamen, einen hohen Wert dar-
stellteu, ist bekannt. Erzberger führt in
seiner bezüglichen Schrift vom Jahre 1002
S. 201 nur die allerwertvollsten an; ein
vollständiges Verzeichnis des Silbers, der
Pretiosen und reichen Paramente der Ell-
wanger Stiftspfarrkirche — wie das fol-
gende — dürfte noch nirgends veröffent-
licht sein, und doch ist dies von allgemeinem
hohen Interesse.

Es war vorhanden:

1. Ein Kreuz von Gold, mit
guten Steinen und Per-
len besetzt.
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