Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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HerauSlzegeben und redigiert von Pfarrer Detzel in St. Lkristina-Ravensbnrg.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins;
Aoinniissionsverlag von Friedrich Alber in Ravensburg.

. Jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne

4SI'. 1 O« Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung IQOO.

Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. '

Die Jagd des sagenhaften Einhorns
als Sinnbild der Menschwerdung.

Von C. Atz, Beuefiziat in Terlan.

Das Einhorn, heißt es bekanntlich, sei
ein wildes, unbezähmbares Tier, aber von
einer Jungfrau lasse es sich fangen, ja
eile ihr zu, lege sich friedsam iu ihren
Schoß und schlafe ein.

Diese Sage benützte auch ein alter Maler
znm Wandschmucke der Kapelle iu der
ehemaligen Burg A u f e u st e i n bei Deutsch-
Matrei iu Nordtirol und stellte rechts und
links von einem Fenster ein darauf be-
zügliches Gemälde her. Auf der eineu
Seite erscheint der Jäger, d. i. der Erz-
engel Gabriel, der auf die Jagd geht.
Wir finden ihn in langer wallender Albe
und darüber trägt er eine violette Dal-
matika, als Diakon, als Diener Gottes.
In der Rechten führt er die Lanze, das
edle Wild zu erlegen. Zugleich hält er
die Schnur fest, mit welcher seine vier
Jagdhunde gekoppelt sind. Ein jeder der-
selben trägt ein Spruchband mit seinem
Namen. Der schwarzgefärbte heißt: Pax
jFriede); der rötliche: Veritas (Wahrheit);
der weiße: sustitia (Gerechtigkeit); der
braune: Misericordia. Die Namen dieser
Hunde sind dem 84. Psalm entnommen,
in welchem die Stelle vorkommt: „iVIiseri-
cordia et veritas obviaverunt sibi,
justitia et pax osculatae sunt". Diese
Hunde sinnbilden die Gründe, welche den
Sohn Gottes bewogen haben, auf die
Welt zu kommen.

In der linken Hand hält der himm-
lische Jäger das Waldhorn, ans welchem
er eine bisher nie gehörte Weise bläst.

nämlich: „Ave gratia plena dominus
tecum, ne timeas, invenisti gratiam
apud dominum", wie auf dem Spruch-
band geschrieben steht, das sich aus der
Oeffnung des Horues herauswiudet. Ent-
sprechend seiner hochwichtigen Botschaft
macht der Gesichtsausdruck wie die ganze
Haltung des vornehmen Jägers einen er-
hebenden Eindruck.

Im Hintergrund der blumigen Land-
schaft sieht man die Stadt Nazareth mit
ihren Mauern und Türmen. Am Fenster
eines Hauses steht der Prophet Jsaias
und hält ein Schriftband hinaus, worauf
die Worte stehen: „Ecce virgo conci-
piet et periet filium et vocabitur no-
men eius emanuel“; als wollte er sa-
gen: was ich vor langer Zeit voraussagte,
geht jetzt in Erfüllung.

Im Mittelgründe des Gemäldes brachte
der alte Meister zwei Sinnbilder an;
nämlich das des Pelikans, der seine Jungen
mit dem eigenen Blute nährt, wodurch
Christi Liebe symbolisiert wird und das
der Löwin mit ihren Jungen, welche die
Liebe Mariens darstellt. Oben über den
dnnkelblanen Höhen erscheinen Engel ans
Wolken und nehmen an unserem Vor-
gänge hier unten regen Anteil.

Auf dem zweiten Wandgemälde rechts
vom Fenster ist der Ausgang der geheim-
nisvollen Jagd wiedergegeben. Oben in der
Höhe thront auf Wolken die allerheiligste
Dreifaltigkeit; rechts der Vater mit dreiecki-
gem Nimbus; mitten schwebt der heilige
Geist in Tanbengestalt und zur Linkeil hat
hier der Sohn seinen Thron angewiesen,
weil das Sitzen zur Rechten erst als Auszeich-
nung und Lohn für die vollbrachte Erlösung
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