Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 95
DOI Heft: 10.11588/diglit.15939.56
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15939.57
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15939.58
DOI Seite: 10.11588/diglit.15939#0107
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1906/0107
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
95

der ganze Boden herum trocken, so weiß
ich, dos; Dn durch meine Hand Israel
befreien wirst". Dieses Vlies, das allein
gegen den Gang der Natur durch Tau
vom Himmel benetzt, ist den hl. Vätern
und der Liturgie der Kirche ein Bild der
wunderbaren Empfängnis Christi im jung-
fräulichen Schoße Mariens. Zwischen
beiden genannten Sinnbildern läßt sich
ein Gesäß entdecken, auf dessen verdor-
benem Spruchbande die Spuren der In-
schrift: „Mannae urna aurea“ (golde-
nes Gefäß des Manna) zu stehen scheinen;
dies kann insofern ans Maria Bezug
haben, daß sie das Al an na des neuen !
Bundes, den Leib und das Blut Christi!
in ihrem Schoße .getragen hat. Oben;
(außerhalb des Gartens) kniet ans einem
Hügel Moses, wohl an den brennenden
und nicht verbrennenden Dornbusch eriu-'
nernd, da Pfarrer Liel noch dabei die
Inschrift las.: „Rubus Moysis". So
wurde auch Maria eine Mutter ohne
Verlust ihrer Jnngfranschaft. Von ihrer
wahren Mutterschaft belehrt uns noch ein
von ihr zur Dreifaltigkeit emporschiueben-
deS Spruchband mit den Worten: „Qui
me creavit, requie.vit in tabernaculo
mco“ (der mich erschaffen hat, wohnt in
meinem Zelte). [Eccles. 24, 12.] D. h.
Maria hat nicht allein den Menschen
Jesus, sondern auch ihren Schöpfer, Gott
geboren, ist in Wahrheit Mutter Gottes.
Endlich ist noch ein Sinnbild zu erklären,
das neben dem Einhorn ans dem Mantel-
saum Mariens steht, das einen roten
Kelch mit der Hostie darüber darstellt;
über der Hostie erhebt sich ein reich be-
blätterter Bau von 7 Fialen, durch einen
Querbalken unter einander verbunden.
Die Deutung aus den im Altarssakramente
verborgenen Erlöser, den das Einhorn
sinnbildet, liegt nahe.

Was das Alter dieser beiden Fresken
anbetrisft, so gehören sie nach den For-
men in denselben zu urteilen z. B. der
Nimbus von Gottvater, die Wolkenfor-
men und nur mehr Engelsköpfe auf
denselben und dgl. der neueren Zeit
an, etwa den zwanziger Jahren des
16. Jahrhunderts. Leider mußten sie
sich wenigstens zum Teil eine Ueberma-
luug gefallen lassen. Schließlich sei noch
bemerkt, daß eine ähnliche sinnbildliche

Darstellung der Menschwerdung Christi
aus deni 15. Jahrhundert auf einem Flügel
des Hochaltars der Deutsch-Ordenskirche
in Friesach sich findet, abgebildet mit
einem Relief aus beut Klagenfurter Mu-
seum tut trefflichen Aufsätze: Das Ein-
horn und seine Jagd in der mittelalter-
lichen Kunst von Dr. Jos. Graus,
Kirchenschmuck, Graz 1894, Nr. 7.

Lin Nebenaltar in der Air che zn
Glatt in chobenzollern.

Von Dekan Reiter.

Vor einigen Wochen habe ich von
Neckarhausen ans einen Ausflug in das
wirklich schöne Tal der Glatt gemacht
und dabei auch der Kirche ztt Glatt einen
Besuch abgestattet. Ich wußte aus den
im. Jahre 1893 und 1894 int „Archiv
für christliche Kunst" erschienenen Artikeln,
daß die Kirche anfangs der .neunziger
Jahre eine gelungene Nestauration erfahren
und daß sie schon wegen ihrer Altertümer
jedem Altertums- und Kunstfreund ein
kräftiges »sta viator« zurnfe. Allein ich
war beim Betreten derselben doch in der
angenehmsten Weise überrascht und be-
sonders erfreut über den von P. Hausch
in Horb erbauten Nebenaltar auf der
Evangelienseite. Derselbe wurde in diesent
Jahre aufgestellt und hat nun von den
in einer früheren Nezeusion genannten
armseligen Jnventarstücken wieder eines
— das vorletzte — verdrängt. Soll ich
den Altar beschreiben? Derselbe hat viel
Aehnlichkeit mit bem spätgotischen Flügel-
altar in Horb („Archiv für christliche
Kunst", Jahrgang 1905, Nr. 11), und
mit Rücksicht darauf könnte ja von einer
Beschreibung Umgang genommen werden.
Allein er weist doch auch wieder besondere
Eigentüinlichkeiten und Schönheiten auf,
und da überdies jedes wahre Kunstwerk
Anspruch hat auf Beachtung und Würdi-
gung, so mögen auch dem spätgotischen
Seitenaltar in Glatt einige Worte ge-
widmet sein.

Wir haben dort keinen Flügelaltar vor
! uns, weil der Kirchenstiftnugsrat einen
! solchen ablehnte, sondern einen gewöhn-
lichen Altar, dessen Hochbau — mit drei
Kompartimenten — sich über einer be-
scheidenen Mensa erhebt. Seine Archi-
loading ...