Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 97
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ihre wöchentliche Verpflichtung erinnern
sollen. Sille Figuren dieser Komposition
sind überaus edel und anziehend, dagegen
will es scheinen, daß der schwarze Mantel
vom hl. Dominikus und das schwarze
Gewand der hl. Katharina fast zn viel
Körper geben und monoton wirken, so daß
die Harmonie des Gesamteindruckes etwas
darunter leidet.

Die Bekrönung des Schrankes bilden
drei Engelsfiguren: ein Weihnachtsengel,
ein Osterengel und ein tiefempfundener
Passionsengel mit dem Kreuz und noch
einigen Leidenswerkzeugen. Letzterer nimmt
die Dritte ein und steht unter einem Bal-
dachin, während ein solches bei den beiden
anderen Engeln fehlt. Die Dalmatik des
Passionsengels ist rot, die des Weihnachts-
engels silberweiß und die des Osterengels
golden, womit auf die drei Rosenkränze
angespielt werden will. — Die Rückwand
über dem Altarschrein zeigt eine Fülle von
Fischblasenmotiven und weckt den Eindruck,
daß die Ueberleitung vom Schreine zur
Bekrönung fast zu rasch und zu luftig
sei. (Vielleicht aus finanziellen Gründen?)
Das kann aber nichts ändern an unserem
Urteil, das; der Altar in Glatt (Kosten
2800 M.) ein herrliches Kunstwerk ist,
welches die Gemeinde wirklich erbaut und
Jahrhunderte zu überdauern verdient.

Lin neuentdecktes Totentanzgemälde
aus dein Mittelalter in der deutschen
Reichshauptstadt.

Aon Dr. Autoii 'Jtägele in Riedlingen.

(Fortsetzung.)

Von Interesse ist auch die mühevolle,
aufopfernde Art der Aufnahme, die
den Dank aller Freunde von Kunst und
Kirche noch heule verdient. In trüber
Winterszeit, oft unter großer Kälte, hat
der uns Schwaben auch nahestehende Kunst-
historiker Wilhelm Lübke (1866—85
in Stuttgart) die Entzifferung von Bild
und Vers unternommen. Ein junger
Künstler, Rudolf Schick, hat bei ihm
ansgeharrt und mit größtem Fleiß und
Eifer, mit Geschick und Gewissenhaftigkeit
im engsten Anschluß an Gestalt und Geist
des Originals ohne modernisierende oder
verschönernde Tendenz, wie der Altmeister
versichert, das merkivürdige Gemälde in

zehnfach verkleinertem Maßstabe mieder-
gegeben. Ans drei Tafeln des Lübkeschen
Werkes sind diese ersten Aufnahmen in
farbloser Konturenzeichnung reproduziert
nebst einem Anhang mit drei besonders
sprechenden Charakterköpfen, des Arztes,
Mönchs und Domherrn.

Doch sollte es noch einige Zeit anstehen,
bis der neugefundene Schatz der Marien-
kirche in seinem alten Glanze und Ernst
wieder erstrahlte. Mit welch anderen Em-
pfindungen werden die Kirchenbesucher des
heutigen Berlin zn diesem von den Toten
auferstandenenTodesbild anfgeschaut haben,
als die katholischen Märker der guten alten
Zeit! Immerhin zeugt es von Pietät
und Opfersinn und Glaubensgeist des
letzten Jahrhunderts, daß eine knust-
gemäße Erhaltung und Renovation des
so „unmodernen" Wandgemäldes be-
schlossen und durchgesührt worden ist.
Lübke erlebte sie noch und hat wohl auch
seine Stimme in die Wagschale fallen
lassen. In den 80er Jahren hat der
Düsseldorfer Maler Fischbach die Auf-
frischung und teilweise Ergänzung mit
glücklicher und geschickter Hand durch-
geführt ; er hat den unter der Tünche ab-
geblaßten Linien wieder das Leben der
Farbe gegeben, und so kann das Werk
des Eindrucks ans die Gemüter wie ehe-
dem sicherlich nicht verfehlen, und auch
das an die Technik der modernen Malerei
gewöhnte Auge wird über dem typisch steif
gehaltenen Umrißcharakter der vom Fresko
noch weit entfernten Bilder individuelle
Züge, reale, dem Leben entnommene Ge-
staltung, milden Ernst und ideale Stim-
mung nicht übersehen,

Und wie die Bilder des Totentanzes
in ihrer alten eindrucksvollen Feierlichkeit
wieder auf die Erchenbesucher herab-
schauen, so redet auch die stumme Poesie

') In dieser neuen bezw. erneuerten Gestalt
ist das Kunstwerk der Marienkirche non denr
Architekten Theodor Prüfer in Berti» im Jahre
1883 im Selbstnerlag herausgegebe», kurz be-
schrieben und auf nier farbigen Lithographien
reproduziert worden. — In seiner Uebersicht
über die Totentanzbilder und -Literatur hat der
nerdienstnolle Sammler den interessanten Toten-
tanz in der St. Michaelskapelle auf dem alten
Friedhof zu Freiburg i. Br. an der Hand des
Malers, Bildhauers und Architekten Weuzinger
aus den« Jahre 1757 übersehen (herausgegebe»
non A Prinsiguon, Freiburg 1891).
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