Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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wiedererkenue», so im bemiiliijen Blick
tu’S AiönchS, in dem klugen, scharf beob-
achtenden Gesicht des Arztes, in dem be-
haglichen, vergnügten, üppigen Anssehen
des Domherrn. Auch beim Blick ans
die Gesamthallnng einzelner Gestalten
fällt dieser Sinn für individnelle Auffas-
sung und charakteristisches Gepräge auf.
Wenn auch nicht bei allen, doch bei den
meisten Vertretern einzelner Stände und
Berufe ist die Charakteristik ihrer
eigentümlichen Stnndeseigenschaften, -Tu-
genden oder -Untugenden gelungen, und
zwar mit so armseligen Mitteln der Mal-
technik. Die Repräsentanten der verschie-
denen Orden sind nicht übel unterschieden;
man vergleiche nur das intelligente Gesicht
des Predigermönchs mit dem schwerfälligen
ranheu Augustiner, und man wirb die Ge-
schichte des Ordens im einzelnen und im
ganzen gezeichnet finden. Rang und Würde
und deren Anforderungen sind in den
äußeren Erscheinungen ihrer Träger meist
trefflich zum Ausdruck gebracht: die würde-
volle Haltung des Vaters der Christenheit,
die edle Repräsentation der Pfarrkirche
der märkischen Residenz im lebendig ge-
zeichneten Kirchherrn, der Ernst, das
charaktervolle Bewußtsein des Vertreters
der aufblühenden Spreestadt im Bürger-
meister kontrastiert mit des leichtlebigen
flotten Ritters jugendlicher Gestalt; dieZüge
der Schlauheit des „dummen Bauern und
der Verschmitztheit des Wucherers" grenzen
an realistische Darstellungen der spätere»
Satiren in Wort und Bild. Die Anmut
der Kaiserin mit ihrem schlanken Wuchs
und stattlichen faltenreichen Gewand ver-
raten wie die liebliche Zeichnung der halb
in Ergebung, halb in Gram versenkten
Schmerzensmutter unter dem Kreuz das
nahende E r w a ch e u aus mittelalter-
licher Formlosigkeit. Umsomehr
müssen wir jene leicht noch zu vermehren-
de» Züge individuellen Lebens bewundern,
wenn wir nach den bei der Abnahme des
Bildes gemachten Beobachtungen, Ver-
zeichnungen mtb deren Korrekturen, beson-
ders an den Todbildern konstatieren können,
daß der Künstler ohne große Vorberei-
tungen sicher oder eher (gegen Lübke)
wahrscheinlich ohne Kartons und Entwürfe
gearbeitet, seine gemalte Predigt an die
Wand frischweg hingeschrieben hat.

Ten eigenartigen, ja anziehenden Ein-

druck vermehrt die Kehrseite jenes Bildes.
Denn mit diesen neuen Ansängen indivi-
dueller, realistischer bezw. naturalistischer
Auffassung imb Darstellung vereinigt und
vermengt sich die alte t p p i s ch e, anspruchs-
lose Einfachheit und Einfalt mittelalter-
licher Kunstweise, deren Naturstudinm noch
in den.Kinderschuhen steckt, deren Vorrat
an Motiven (vergl. Gewand und Fuß-
stellnngj, an Malmitteln - hier Leim-
farbe auf trockenem Beivurf — an Model-
lierungen und Schattierungen — meist Um-
risse mit Farbenansfüllnng — sich auch
in unserem Bilde bald erschöpft zeigt.
Bleibt so die Phantasie und Gestaltnngs-
kraft des Künstlers hinter der Erfindungs-
gabe und dem Humor des Dichters der
Verse zurück, so kommt dem Gemälde die
gleichmäßige Ruhe über dem Ganzen, der
Ernst in Haltung und Gebärden der
einzelnen Figuren, die Gemessenheit ihrer
Anordnung sehr zu statten. Keine Spur
verrät die Keckheit, die oft über die Grenze
des Schicklichen hinausgehende Hnmoristik
imb Satire früherer und späterer Toten-
tänze, keine Spur jener sonst in diesem
Genre so beliebten Neckereien und Gri-
massen, jener jähen Sprünge von der
Komik zum Schauer, jener Kontraste von
höhnischem Tod und sträubenden Men-
schen: „Der stille Zug sanfter Ergebung,
gelassener Fügsamkeit breitet sich gleich-
mäßig über alle, über Geistliche und Laien
aus und hält jede dramatische oder gar
drastische Wirkung fern. Liegt dieser Be-
handlung wohl ein künstlerischer Mangel
zit Grunde, so läßt sich doch nicht ver-
kennen, daß unser Totentanz ihm zugleich
eine fast gemütliche Ruhe, eine stille Feier-
lichkeit der Stimmung verdankt, eine Ein-
fachheit wahrhaft monumentaler Anord-
nung, die unter allen bekannten Dar-
stellungen dieser Art keine an sich rühmen
kann. Er ist daher vorzugsweise geeignet,
uns in den schlichten Ernst einzuführen,
der den frühesten Behandlungen dieses
Stoffes eigen ist und den hier ein Künstler
der Spätzeit deö 15. Jahrhunderts teils
vielleicht aus Anhänglichkeit an alte Ueber-
liefernngen, teils aus geringer Begabung
festgehalten hat." Diesem Lob fügt Lübke
noch die Konstatierung der Tatsache an,
daß ein Hauch der nenerwachten flandri-
schen Kunst den schlichten Berliner Meister
berührt habe, im ganzen wenig, im einzelnen
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