Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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sitzt nun ohne weiteres auf dein ober»
Teile des Fußes auf; au ihn gliedern
sich von selbst die Seitennischen mit pa-
rallelen Fialen n. s. w. und auf ihn baut
sich, wie ans einen gotischen Allarschrein,
mühelos und leicht die Bekrönung auf.
Jetzt geht alles zusammen: die Horizon-
talen und Vertikalen der Expositionen, das
Viereck hat es gemacht; das scheinbar
Einfachste — ein Quadrat — ist die ge-
niale Lösung geworden.

Hiezu kommt aber noch ein zweites
Und das ist ebenso ne», fast möchte man
sagen „modern" — aber nicht tut zweifel-
haften Sinne — das ist die dekorative
Behandlung des Werkes. Wenn wir die
schönsten alten, gotischen Monstranzen
sehen, so haben wir an ihnen eigentlich
kaum etwas anderes als gotische Tnrm-
oder Altarkonstrnktionen, die en miniature
in Silber oder Kupfer ansgeführt sind,
Monstranzbauten in Montiernngsarbeit,
ivelche einen manchmal sogar ziemlich kom-
plizierten Grundriß, besonders für die
Mittelpyramide, zeigen. Die alte gotische
Monstranz ist ein Bauwerk im kleinen
mit Miniaturmauern, Pfeilern, Streben,
Fialen, Tnrmhelmen, Baldachinen, kurz
mit allen architektonischen Einzelnheiten
und bis ins feinste Detail hinein aus-
gearbeitet, ein Sakramentshäuschen in
Metall. Ihre ganze dekorative Wirkung
ist architektonischer Natur; es gibt keine
Flächen, dieselben sind überwunden und
aufgelöst. In der neuen Monstranz aber
ist dies Verhältnis wesentlich anders ge-
ivorden. Man sieht ans den ersten Blick,
daß hier die Architektur znrücktritt und
daß die Flächendekoration dafür zur Gel-
tung kommt. Der Aufbau geht nicht
in die Tiefe: keine architektonische Kon-
struktion, keine wirklichen Nischen mit
wirklichen Baldachinen und konstruktiven
Gliedern; seitwärts und oben dienen die
ganzen sechs Säulchen nur dazu, um
die Flächenornamente zu tragen, ivelche
die Bekrönung bilden, ähnlich wie ein
Staffeleigerüste das Bild trügt. Die ganze
Monstranz ist — mit Ausnahme des für
die Zwecke der Exposition entsprechend lies
gehaltenen Mittelstücks — ein metallisches
Flächenwerk, ein Netabelwerk, lind das hat
der Entwurf gerade gewollt. Der unbe-
streitbaren Tatsache entsprechend, daß nun
einmal Silber und Kupfer kein Stein ist.

sondern in Blechform verarbeitet wird, hat
der Künstler, der den Entwurf machte,
auch den Schwerpunkt darauf gelegt, daß
die Hauptsache des Werkes schöne, feine,
dem Material entsprechende Flächen -
dekorativ neu sein und werden müssen.
Und so ist es auch geschehen. Sehen wir die
Bekrönung über den beiden Seitennischen
an: es ist flaches, stilisiertes Blattwerk,
das eben zur Ausfüllung und Dekoration
des Raumes zwischen den zwei Fialen
dient. Hub bei der Bekrönung des Mittel-
teils sieht man es erst recht deutlich; es
ist alles nur en relief gehalten, und
damit der Flächencharakter recht herans-
tritt, bildet dieser oberste Teil mit seinem
oberen Qnerabschluß und den beide» Seiten
ein kompaktes, einheitliches Ganzes, das
wie eine Art Transparent ans den vier
Fialenstangen droben hängt. Ans diese Weise
kommt der obere Teil auch zur Geltung
gegenüber dem Massiv des Mittelstückes.

Zu dieser originellen Anlage des
Ganzen kommt sodann das Detail,
welches auch abweicht von den land-
läufigen gotischen Ornamenten, die oft
eine nur plumpe und schülerhafte Wieder-
holung der alten. Zieraten sind. Die
stilisierten Blatt- und Blumenornamente
in der Krönung der Monstranz wie in
den Seitenteilen sind streng und einheit-
lich gehalten, sie entsprechen dem gotischen
Stile und doch haben sie etwas Modernes
an sich; das sieht man ans den ersten
Blick. ES ist eine moderne Hand, welche
in diesen Zeichnungen mit den alten
Forinen operiert, aber sie hat selbständig
operiert, sie hat sie beherrscht, sie hat sie
ihrem eigenen Empfinden dienstbar ge-
macht, sie hat mit ihnen Originales, Neues
geschaffen; sie hat gewagt, sie mit dem
eigenen künstlerischen Inhalt zu füllen. Das
ist entschieden etwas Neues; es ist aber
nur die Weiterführnng des Gedankens,
welchen seinerzeit der Meister des Lent-
kircher Chorgestühls leitete in den köst-
lichen gotischen Ornamenten derselben,
ivelche gleichwohl sein eigenstes künst-
lerisches Eigentum sind. Das ist wieder
ein Beweis für die Originalität dieses
Werkes, mag man nun derselben zustimmen
oder nicht. (Schluß folgt.)

Hiezu eine K u u st b e i l a g e:
Silberne M o n st ranz von E. Zieher i n
Bi berach.
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