Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 109
DOI Heft: 10.11588/diglit.15939.66
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15939.67
DOI Seite: 10.11588/diglit.15939#0123
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1906/0123
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
tjcrausgegcbeii n»d redigiert von Pfarrer Detzel in St. Lkristiiia-Raveiisbnrg.

Verlag des Rotteaburger Diözesan-Kiiiistvereiiis;
Aommiffioiisverlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

Or. 12.

Jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne
Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung IQOO.
Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. S

Pie Mllonstrcmz von Dettenhausen
bei Friedrichs Hafen.

Von Alb. Pfeffer.

Reich war einmal die katholische Kirche
Deutschlands an kostbaren Werken der
Goldschmiedekunst. Viel ist davon er-
halten, noch mehr verloren: es wurde zu
Grunde gerichtet im Sturm der Zeit-
läufte, in Kriegsnot oder durch Unver-
stand. Man meist ans den „Heilthums-
büchern", ans Jnventarien, ans Rech-
nnngen, welche stattlichen Schätze einst so
manche Kirche, so manches Kloster besaß.
Sie sind zum glltcn Teil in den Schmelz-
tiegel gewandert oder in alle Winde zer-
streut und stehen jetzt ihrem Zwecke ent-
fremdet in Museen und jüdischen Anti-
guitätenläden. Manch köstlich Kleinod,
das zünftige Goldschmiede zum Schmucke
der Kirche gefertigt, steht noch in unfern
Kirchen und gibt Zeugnis von dem Sinn
unserer Vorfahren für große Schöpfungen.

Zu den interessantesten Goldschmiede-
arbeiten des Landes zählt die M o n st r a n z
von I e t 1 e n h a n s e n bei Friedrichs-
hafen wegen ihrer Nenaissanceformen und
ihrer Geschichte. Entstanden ums Jahr
1629, ist sie im Ausbau noch vollständig
gotisch; besonders zeigt sich das in der
scharf ausgeprägteil Vertikalgliedernng:
ein Beweis, wie lange die gotischen Grund-
formen noch nachwirken und nachleben.
Die Details dagegen sind im Charakter
der Spälrenaissance gehalten.

Außerordentlich fein, abgerundet und
handlich ist der Fuß; nichts hindert beim
praktischen Gebrauch. Die Fnßplatte ist
rechteckig, die Seiten ausgerundet, ge- 1

schmückt mit Frnchtschnüren und auf-
gesetzten Engelreliefs. Wie die Platte,
zeigt auch der Knauf vorzügliche Renais-
sance-Ornamentik. Die Monstranz selber
erhebt sich über einer rechteckigen Platte,
der rechts und links je ein Halbkreis an-
gefügt ist, um als Postament für zwei
Statuen zu dienen. An den vier Ecken
der Platte erheben sich vier Säulen, mit
Blumengewinden geziert; sie bilden das
rechteckige Gezelt zur Aufnahme des
Sanktisstmnm. Die moderne Einfassung
der Sakramentsnische ist schwerfällig und
paßt sich nicht gut dem Stil des Ganzen
an. Neben bem Repositorium stehen auf
zierlichen, reich durchbrochenen Postamenten
zwei silbergetriebene, 12 cm hohe Statuetten
des hl. Konrad und des hl. Nikolaus,
des Kirchenpatrons. Das Ostensorium
schließt mit einem reingotischen Zinnen-
kranz ab. Darüber steht in einer von
vier Säulen getragenen Nische eine l 1 cm
hohe, zarte und edle Madonna mit Kind,
von Strahlen umgeben, in Silber ge-
trieben. Die Madonna ist bekrönt von
einem sehr reichen, von Engeln getragenen,
durchbrochenen Baldachin. Den Abschluß
des Baldachins bildet ein silbernes
Krenzchen, während die beiden seitwärts
stehenden Säulen abschließen mit kleinen
Figuren der Mater dolorosa und des
hl. Johannes.

Charakteristisch an der Monstranz ist
der gotische Aufbau mit Renaissance-
details. Die Ornamente sind zart
und duftig, nicht überladen; sie verleihen
dem ganzen Werk eine eigenartige Zart-
heit und Durchsichtigkeit; alles Schwere
1 ist ihm genommen, alle Flächen sind auf-
loading ...