Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

Seite: 113
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paralysiert werden durch eine entsprechende
Basis des Vierecks. Unseres Erachtens
liegt eine Lösung hier sehr nahe: man
braucht bloß den Sockel der beiden Seiten-
teile durchlaufen zu lassen und den Viereck-
kasten mit dem Kreisrund daraufstellen.
Die Einheitlichkeit der ganzen Erscheinung
könnte dadurch gewiß nur gewinnen.

Der Hanptteil der Monstranz, der Ex-
positionsraum mit der Lunnla, ist von einer
Reihe konzentrischer Kreise uuigeben, die
wieder in sich reich und abwechslungsvoll
geschmückt sind. Das wirkt in gewissem
Sinne imposant, glänzend; aber wir möchten
zu bedenken geben, ob nicht hier das Wort
angewendet werden könnte: weniger wäre
mehr. Wenn etwa der äußerste Kreis
mit seinen Steinen und Gravierungen
wegfiele und dafür die Zivickelfelder des
Vierecks mit ihrem Schmuck größer wür-
den, oder wenn dieser äußerste Kreis über-
schnitten würde von den letzteren — man
denke an die so reichen und brillanten
Ornamentierungen der gotischen Altar-
schränke —, dann dürfte damit dem Cha-
rakter des Stils nähergekommen und auch
eine einheitlichere, ruhigere Erscheinung des
Ganzen erzielt sein.

Die aus dem Mittelteil anfsitzende Be-
krönung scheidet sich in zwei Teile: de»
oberen Abschluß mit den brillanten Treibe-
und Durchbrucharbeiten zwischen den vier
Fialen — das ist ein Meisterwerk im
kleinen —, und die darunter angebrachten
fünf Figuren: Gottvater mit vier Engeln;
letztere gegossen und ganz in Silberweiß
gehalten. Diese letzteren wirken entschieden
nicht ruhig, nicht harmonisch. Der Fehler
liegt unseres Erachtens darin, daß sie
alle nebeneinander direkt ans das Mittel-
stück der Monstranz aufgesetzt sind, ähnlich
wie Porzellan- oder andere Figürchen auf
einem Schranke stehen. Dazu kommt, daß
zwischen der Mittelfignr und den beiden
ihr zur Seite knieenden Engeln kein Zu-
sammenhang, keine Verbindung und Ver-
mittlung gegeben ist. Es steht jede Figur
allein für sich droben neben der andern,
ohne aus dem Ganzen heranszuwachsen.
Der glänzende Silberschimmer vermehrt
noch diesen Eindruck, llnseres Erachtens
hätten jedenfalls die Figuren der Mittel-
nische (wenn man sich damit zufrieden
geben will, daß die beiden stehenden Engel

bleiben, wie sie sind) einheitlicher und
organischer zusammen- und in den Raum
hineinkoiuponiert werden sollen; zum min-
desten müßte die Figur vcn Gottvater höher
gestellt werden.

Vielleicht wäre auch das krönende Kreuz
noch etwas reicher zu halten gewesen.

Wenn wir an das hiemit besprochene
Werk den strengsten Maßstab angelegt
haben, so wissen wir uns darin eins mit
den Intentionen des Meisters, der das-
selbe entwarf: in dem Streben nach dem
Höchsten und Besten ans dem Gebiete der
kirchlichen Metallurgie, speziell für die
Herstellnng der Gefässe, die zum unmittel-
baren Dienste deS Allerheiligsten bestimmt
sind. Das beschriebene Prachtwerk ist ein
weiterer Beweis dafür, daß man im
Schwabenlande beginnt, sich von hand-
werksmäßigen und schablonenhaften Ar-
beiten für diese Zwecke mehr und mehr
losznmachen und tüchtig selbst zu denken,
selbst zn entwerfen, selbst zu gestalten.
Und nachdem Meister Hugger- Rottweil
mit seiner Prachtmonstranz (für St. Niko-
laus-Stuttgart) vorangegangen ist, im ro-
manischen Stil ein durch die Reinheit der
Verhältnisse, die Geschlossenheit der ganzen
Erscheinung und die Pracht des Details
ein neues, dem Charakter der Metal-
lurgie genau entsprechendes Moiistranzen-
merk zn schaffen, so dürfen wir in der
Monstranz ans der Zieherschen Werkstätte
ein neues, originales, wenn auch noch
mehl fach verbesserungsfähiges Werk von
künstlerischer Bedeutung im gotischen Stile
begrüßen. Wir können nur hoffen und
wünschen, daß ans diesen Wegen frisch
und ernst weitergeschritten werde, und
ganz speziell, daß die Besteller, d. h. die
Kirckenverwaltnngen und derKlerns, dieses
Streben praktisch unterstützen und mit
demselben konsequent znsammengehen, in-
dem sie nach Möglichkeit von der Bestellung
nach Katalogen und Dntzendstücken absehen!

St. K.

Lin Beitrag zu dem Kapitel:
Klsstik und Volkskunst.

Die Aufgaben, die heute der knnst-
geschichtlichen Forschung gestellt sind, sind
weit umfassender, als sie es noch vor
20 Jahren waren. Die Knust wird jetzt
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