Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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mit gefesselten Händen, wird von einem
Inden vorgeführt, von einem Soldaten
mit gezücktem Schwert bewacht. Von dem
Richter sieht man kaum mehr noch als
die Mütze mit phantastisch ausgezacktem
Nandnmschlag.

Von einer vierten Scene aus der
Leidensgeschichte, der Dornen k r ö n u n g
oder Verspottung Christi, ist nur ein kleines
Bruchstück übrig. Ein Jude, der mit dem
Stecken die Dornenkrone aus das Haupt
Christi drückt; und ein Kerl, der, mit
beiden Händen weit ausholend, die Geißel
oder den Stock gegen ihn schwingt.

In einem unteren Streifen waren
Spuren von zwei Darstellungen, die nicht
abgebildet, sondern nur gedeutet werden
konnten: Aufrichtung des Kreuzes und
Christi Tod am Kreuz.

Der Farben sind wenige: ein Gelb
und ein Rot, die sich wie gewöhnlich gut
erhalten haben, ein helles und ein dunk-
leres Blau — beide graugrün geworden,
ein helles und ein dunkles Grün, ein
grangewordenes Violett. Die Nimben und
Kronen, die jetzt schwärzlich aussehen,
waren wohl mit Blattgold belegt.
kZDie Technik ist Tempera, wie es
scheint.

Die O r n a m e n t e der Bordüren sind
teils noch romanisch, teils hochgotisch.
Romanisch, ans der Spätantike überliefert,
ist das kreuzförmige Treppenmuster mit
eingelegtem Vierblatt (obere Borte); und
der Blätterfries mit ansgerundeten Winkeln
zwischen den palmettenartigen Blättern
(mittlere Borte). Gotisch sind die dünn-
stieligen Wellenranken mit verschiedenartig
in der Silhouette gezeichneten gezackten
Blättern, die mit dem antiken Akanthus
nichts mehr gemein haben (obere Borte
an der Südwand, über dem Jüngsten Ge-
richt); und die zierlichen veilchenartigen
Dreiblätter oder Fünfblätter (denn am
Stilende sitzen noch zwei winzige Blätt-
chen), die an gewundenen Stilen sich
aneinanderreihen, mit einem Punkt im
Zwischenraum (untere Borte der Ost- und
Nordwand); und endlich das kindliche
Dnrchbrechungsmnster mit Vierblatt, Um-
kreis, Zwischenlinie und Dreiblättchen in
den Zwickeln (Seitenborten des Schntz-
niantelbildes).

Die unteren Wandflächen waren, wie

man an der Ostwand sieht, mit einem
gemalten Wandbehang in Hellen Tönen,
rötlich und grün;- gefüllt.

Mit alledem weisen diese Wandmalereien
in -das IN. Jahrhundert, aber in das
Ende; oder in den Anfang des 14. Jahr-
hunderts.

Im Figürlichen erinnern sie an die
Wciugarteuer Minnesingerhandschrift der
Landesbibliothek zu Stuttgart. M a n darf
sie mit einiger Sicherheit der
S chn le v o n Koustanz znschreiben.

In dem Ostfeuster ivnrden nach der
Erweiterung an den Leibungen neue Ma-
lereien ausgefiihrt; und zwar im Scheitel
eine fünfblättrige Rose und an den Ge-
wänden je zwei Wappen: heraldisch rechts
oben Gundelfingen mit einem Hut als
Helmschmuck, der mit dein Ast belegt und
iiiit einem Psauenschwanz besteckt ist; dar-
unter Gundelfingeil mit einem Schwanen-
rumpf als Helmschmuck, der links und
rechts mit einem Pfauenschwanz besteckt
ist; links oben Gundelfingen mit einem
Schwanenrumpf und einem Flug, dessen
Federn mit Tupfen, Angen besät sind:
unten: Waldburg. Das ist wohl Anna
v. Waldburg f 1429, Gattin Stephans
v. Gnndelfingen. Die verschiedenen Helm-
zierden über dem Gundelfinger Schild
gehören wohl verschiedenen Zweigen des
Geschlechts an wie Hohen- und Nieder-
Guudelfiiigen. Bemerkenswert sind die
phantastischen Schildformen. Die Erwei-
terung des Fensters einer Erneuerung der
ganzen Kapelle dürfte wie die Anordnililg
dieser vier Wappen von einem Sohne
Stephan v. Gnndelfingen als Patron der
Kapelle und aus der Mitte des 15. Jahr-
hunderts herrühre,i.

Die religiöse Ärmst aus der Ans-
stellrrng in Nürnberg.

SBim Stadtpfarrer Dr. Erhärt in Heidenheil».

Auf der Landesausstellung i» Nürnberg,
welche im Oktober geschlossen wurde und in ihrer
Großartigkeit a» das Wort des griechischen
Tragikers erinnerte: „Vieles Große n»d Ge-

waltige gibt es in der Natur, aber nichts ist
größer und gewaltiger »lL der Mensch", war
auch die Kunst in würdiger Weise vertreten.
Alle die verschiedenen Künstlervereinigungen des
Bapernsandes, die sich sonst teilweise recht gegen-
sätzlich gegenüberstehen, waren in friedlichem
Wettbewerb beisammen: die Münchener Künstler-
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