Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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genossetischaft, die Sezession, die Luitpoldgruppe,
die..Scholle, der Nürnberger Ortsverein und eine.
Gruppe freier und unabhängiger Künstler. Die
Ausstellung verteilte sich auf cä. 25 Säle. .Die
vornehmste Abteilung ivar die der Münchener
Äüustlergenossenschaft mit sieben Sälen. Die hier
ausgestellten Werke trugen fast snmtlich'eiu edles,
von abstoßenden Extravaganzen freies Gepräge.
Auch die Sezession hat gegen früher Iruhigere
und sicherere Wege Angeschlagen. Die Luitpold-
gruppe und die Schotte aber,, von Ausnahmen
abgesehen, ist über die Anfänge in jener neuen Rich-
tung, der die Farbe alles gilt, noch nichtlhinaus-
gekommen. Jui ganzen aber machte die Aus-
stellung einen wohltuenden Eindruck und zeigte
deutlich den Fortschritt zum Bessern. ,1Man fängt
wieder an einzusehen, das; die bloße Technik und
das geist- und seelenlose Farbeuexperimeut noch
keine wahre Kunst ist, daß „nur da, wo'Farbc,
Form und Geist einen Bund geschlossen haben,
das Werk eines gebildeten Künstlers würdig^sei".

Erfreulich war auch die Beobachtung, daß die
religiösen Gegenstände und Darstellungen auch
bei der heutige» Künstlerwelt immer noch zu
Ehren kommen. Die religiöse Kunst hntteleineu
Ehrenplatz in Nürnberg. Die religiösen Bilder
traten zwar an Zahl vor den andern weit zurück,
übertrafen sie aber in der Mehrzahl an Kunst-
wert und Schönheit der Ausführung. ZSte waren
die Licht- und Nuhepunkte für die einzelnen Säle.
Ist ihr Gegenstand auch nicht aus den höchsten
Sphären des Glaubens genommen/sind es.'auch
nur kleine Scenen aus dem Loben und Wirken
der Kirche oder Sceneu aus dem Alltagsleben
mit religiösem Anhauch, cs strömt t aus ihnen
das freudige Licht einer höheren Welt in die
Seele, und sie lassen GeistkuudkHerz, nachdem
so manches Widrige, ja Häßliche auf sie cinge-
stürmt, wieder zur Ruhe kommen.

Der beherrschende Mittelpunkt der Gemälde-
ausstellung in Nürnberg war unstreitig die
Kreuzabnahme von Papperitz (München).
Nur wo der Genius der Kunst sich mit dem der
Religion verschivistert, können solch wahrhaft schöne
Schöpfungen entstehe», wie das Papperitzsche Ge-
mälde. Artur Bonus sagte im Augusthefte der
„Preußischen Jahrbücher" : „Ein wirkliches Kunst-
werk hat zu seinem Verständnis nie Etwas außer
sich selbst nötig. Oder doch jo mehr es das hat,
desto weniger ist eS Kunstwerk"; wenn dieser
Satz wahr ist, so trifft er bei diesem Kunstwerk
zu. Es ist in allen seinen Teilen so verständlich,
der ganze Vorgang ist mit einer Einfachheit und
Schlichtheit und doch in einer zum Herzen sprechen-
den Größe dargestellt worden, daß mau Beson-
derheiten und Tiefsinuigkeiten, wie sie bei den Mo-
dernen vielfach beliebt sind, umsonst sucht. Der
Gegenstand ist schon oft und von großen Künstlern
alter und neuerer Zeit behandelt worden, daß es für
einen neueren Künstler wohl schwer ist, diesen Mei-
sterwerken etwas Ebenbürtiges j an die Seite zu
stellen. Professor Pappe ritz hat es in seiner
Kreuzabnahme versucht und der Versuch dürfte
ihm nicht ganz mißlungen sein. (Komposition und
Gruppierung erinnern an Rubens, aber sie sind
freier und leichter. Rubens Komposition hat
im. untern Teil etwas Schweres; die Personen
sind zu dicht an einander gedrängt, ’ Papperitz

vermeidet diesen Fehler, in dem er die untere
Gruppe besser auseinander zieht und die Kompo-
sition mehr in die Tiefe gehen läßt. Ausdruck
und Stimmung sind packend und nehmen im
ersten Augenblick gefangen. Die Personeil sind
charakteristisch anfgefaßt, ernst lind ruhig in
Haltung und Gebärde, frei von allem Exzessiven.
Auch Papperitz zeigt sich originell; sein Werk ist keine
Nachahmung lind Kopie. Er hat ivohl von seinen
Vorgängern gelernt, aber das Gelernte eigenartig
verarbeitet. Eigenartig schön auf dem Gemälde
ist im Vordergründe der Jünger mit der Fackel,
welche mit ihrem Lichte einen Hauch seliger Ruhe
llud Verklärung über den Leib Christi in der
Abenddämmerung ausbreitet. Die Abendstimmung,
so passend für den ganzen Vorgang, hat Pappe-
ritz i» einer bläulichen Farbenstimmung, in die
das ganze Bild getaucht ist, trefflich und schön
zuui Ausdruck gebracht. Es ist ein Gemälde von
tiefgehender, innerlicher Wirkung. Die Natura-
listen mögen es akademisch kalt und steif, glatt
ilnd süßlich finden, weil ihm nichts Abstoßendes
und nichts von der Gasse anhaftet, weil es nichts
verrät von dem Geiste und der Art der modernen
Heilandsmaler, eines Uhde, eines Fahrenkrog,
eines Klinger, deren Christus- und Jüngerge-
stalten auch in ihrem demokratischen Plebejer-
geivande mehr Theaterpose als Natürlichkeit ver-
raten. Alle aber, die Christus als Gottes Sohn
und eine Gestalt aus höherer Welt betrachten,
hinter welcher in Wirklichkeit und einzig und
allein alles Gemeine in wesenlosem Schatten
lag, alle, welche die Kunst als eine Töchter des
Himmels, als ein Element der Veredlung an-
sehen, werden sich der Kreuzabnahme von Papperitz
freuen. Der Preis des Gemäldes soll sich auf
25 000 M. stellen. (Schluß folgt.)

Literatur.

Alls Klliist und Leben, Neue Folge.
Von Or. Paul Wi lhelin v. Kep p ler,
Bischof von Nottenburg. Mit 6 Tafeln
und 100 Abbildliugeu im Text. Frei-
blirg i. Br. (Herder), 1906. VIII und
294 S. Preis ungebd. 5 M. 40 Pf.
Soll ich's eingestehen oder nicht? — Von allen
in diesem neuen, mit reichem Bilderschmuck trefflich
ausgestatteteu Buche des hochwürdigsten Herrn
Bischofs Paul Wilhelm v. Keppler zu einem
kostbaren, duftigen Strauße zusaiumengewundenen
Geistesblüten habe ich zu allererst die letzte, das
Blümlein der Freude, gekostet und au ihm mich
erfrischt. Wenn erst der hochwürdigste Herr Ver-
fasser sich dazu entschließen könnte, in ähnlicher
essapartiger Weise die übrigen Gaben oder die
Früchte des heiligen Geistes zu behandeln, so
müßte das ein durch und durch originelles theo-
logisches Buch geben. Ja, ich bin fast der Mei-
nu»g, als müßte diesen geistvolle Essay „über
die Freude", der in seinen weitausgreifenden
Gedankenfolgen und seinen psychologischen Tief-
blicken so sehr ergreift und etwas ganz Eigen-
artiges ist, an die Spitze der übrigen gestellt
! werden. — Denn wo nicht Freude das Herz be-
taut, da versiegt und vertrocknet das Gcmüts-
lebe» und stirbt ab. Wenn aber 'je etwas zum
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