Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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der reinsten Jungfrau in des Himmels
Glanz und Wonne aufzuiiehmen. — Er
ist umgeben von nenn geflügelten Engels-
köpfen, welche die neun Engelschöre ver-
sinnbilden. Dazwischen schweben zwei
Engel mit einem prächtigen Nosengezmeige
hernieder. Sie verbinden die obere Gruppe
mit der unteren.

Das andere Hanptbild (rechts) stellt
Mariä Krönung im Himmel dar.
Auf einem reich ausgestatteten Barock-
throne sitzt Maria, eine ungemein lieb-
liche Gestalt im weißen Gewände mit einem
breit ausladenden, in glanzvollem Falten-
wurf hingebreiteten hellblauen Mantel.
In wonnetrunkener Seligkeit richtet sie
den Blick nach oben; die rechte Hand ist
fest aufs Herz gedrückt, als wollte es zer-
springen vor glückseliger Wonne und
Freude, die linke Hand ist wie in Ueber-
raschnng oder demütiger Ergebung ans-
gestreckt.') lieber ihr erhaben sitzen Gott
Vater, „der Alte der Tage", im weißen
Gewände mit olivgrünem, samtenem
Mantel, und Jesus Christus, eben-
falls im weißen Gewände mit feurig-
rotem Mantel, auf welchem die Lichter
gelblich aufgetragen sind. Beide setzen
der Gebenedeiten die Krone des Himmels
aufs Haupt, das Siuubild ihrer Ehre
und Verherrlichung bei Gott: Von oben
herab aber flutet der Lichtglanz des hei-
ligen Geistes, der wiederum von denselben
geflügelten nenn Eugelsköpfen umgeben
ist, die auch das andere Bild aufweist.
— Unten aber stehen im Vordergrund
drei Engel auf blumiger An, Rosen und
Lilien sprossen darauf; der mittlere im
silbergranen gemusterten Kleide auf einer
Geige spielend, die zwei anderen aus
Notenrollen das Lob Mariens singend.

Endlich das H a l b r u n d f e n st e r zeigt
in einem Meere goldenen Lichtes den
verklärten Christus. Er ist umgeben von
Moses und Elias nebst zwei Engeln,
die halb sitzen, halb knieen. — Als
Komposition hat mich dieses Bild nicht
so ganz befriedigt, weil es aus zwei ver-
schiedenen Gedankengruppen zusammen- i)

i) Die lose Haarfülle ist inan in dieser Form
sonst nur gewohnt bei Maria Magdalena zu sehen.
Vielleicht darf wieder an de» mittelalterliche»
Ännstgrnndsatz erinnert werden: multitucio cagil-
lttrum, lmiltituclo peccalorum.

geflossen erscheint. Nach der Bezeichnung»
welche das Bild auf der Abbildung trägt,
die mir die Firma Neuhauser znrJLer-
fügung stellte, ist es eine „Verklärung".
War das Bild als solche intendiert, so
wäre das kein ganz glücklicher Gedanke,
weil die untere Scene (die Apostel) in
Wegfall kommen mußte und weil das
Fenster die Höhenentwicklung nicht ge-
stattet, welche eine Verklärungsscene un-
bedingt erfordert. — Man könnte das
Bild, so ivie es ist, auch als einen Christus
in der ewigen Glorie betrachten, der in
majestätischer Erhabenheit über Zeit und
Naunr dahinschwebend vom Himmel her
über seine Gemeinde unendliche Segens-
fülle ansgießt. Aber in diesen Gedanken,
der eine theologische Vision ausdrücken
würde, wollen sich die beiden Gestalten
des Moses und Elias nicht so ohne wei-
teres fügen; eine derartige Darstellung
würde nach den ikonographischen Vor-
gängen eher Maria und Johannes den
; Täufer erwarten lassen. — Ein »Sal-
vator mundi« nach altchristlicher Art hätte
wohl am einfachsten über die Schwierig-
keit der Raumbedingungen hinweggeholfen.

Die technische Ausführung der Bilder
ist eine glänzende. Die Farbenwirkung
ist warm, vornehm, prächtig. Die Fenster
wirken wie farbensatte Gobelins. Be-
sonders zart und fein sind die Zwischen-
töne und Schattierungen. Sie sind an
• delikater Koloristik kaum mehr zu über-
treffen.

Was nun die Auffassung betrifft, so
geht besonders die Darstellung der Engel
und jene Mariens jedenfalls bis an die
zulässige Grenze des Zarten und Weichen.
Gewiß werden die Stoffe, die wie dieser
dem Gebiete der religiösen Lyrik so nahe
stehen, immer eine geiviffe Zartheit in der
Darstellung bedingen. Aber wir möchten
nicht, daß in diesem Punkt für kirchliche
Darstellungen auch nur um eine Linie
noch weiter gegangen würde. Gerade die
Engelsfiguren möchte man wohl kraft-,
voller, männlicher wünschen. Ich stimme
in diesem Punkte, natürlich unter den für
die Malerei nötigen Restriktionen, Bode
zu, der einmal im Hinblick auf drama-
tische Aufführungen so wahr und richtig
sagt: „Ich sehe die Engel .... immer
von Frauen dargestellt. Aber Raphael,
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