Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 22
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Gabriel und Michael sind dach Männer-
nameu, und es wurde einen viel wür-
digere» Eindruck machen, wenn männliche
Gestalten das hohe Lied der Anbetung
sängen. Die Maler sind heute über solchen
Feminismus hinaus, und das gebildete
Publikum ließe es sich von einem Maler
auch nicht mehr gefallen, wenn er unter
dem weißen Gewände von Gabriel oder
Michael weibliche Formen andenten und
ihre Gesichter als süße Frauengesichter
zeichnen wollte" (Stunden mit Göthe).
Man wird vielleicht auch ein Zuviel
an Federnranschen und Flügelschlag, der
von der Hauptsache abziehen könnte, eine
gewisse Ueberfülle an Figuren empfinden,
die eine zu volle Wirkung ausübt und
von einer bestimmten Entfernung an in
scharfe Konkurrenz mit dein Bilde des
Hochaltares tritt.

Freuen wir uns indessen herzlich des
Lieblich-Schönen, das in diesen Bildern
liegt! Wir hoffen, daß die tröstlichen
Geheimnisse von Mariä Hingang und
Krönüng ans den farbigen Lichtwellen,
die von diesen Fenstern in die Kirche
hereinfluten, ins Auge und Herz der
Pfarrgeineinde Schramberg hineindringen
und alte mit Freude, Andacht, Trost,
seliger Hoffnung und Liebe zu Gült
und der seligsten Mutter unseres Herr»
erfüllen mögen.

Die religiöse Kunst auf der Ausstellung
in Nürnberg.

Aon Stadtpfarrer Or. Ehr hart in-Heidenheim.

(Schluß.)

Wie auf allen neueren Kunstausstellungen, so
war auch in Nürnberg Walter Firie (Mün-
chen) vertreten, diesmal auch mit einem reli-
giösen Gemälde. So schön und schätzenswert
manche'seiner aus dem Familien- und Änstalts-
lehen (Morgenandacht im Waisenhause) genom-
menen Bilder sind, für seine „Frauen unter
demKreuz C hri st i" konnten wir uns nicht er-
wärmen. Es ist ein vollständiges Nachtbild,
alles schwarz in schwarz. Die Frauen sind ehr-
würdige Matronen mit modernem Gewand; unter
dem Kreuze sucht man andere Gestalten.

Eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Bild von
Firle hatte eine Pi et k von Edmund Blum e.
Maria mit dem toten Christus auf dem Schoße
ist tief verschleiert. Von Böcklin haben wir eine
Pieta, Maria über den toten Sohn hingestreckt,
ganz in einen schwarzen Schleier eingehüllt.
Ein Bild von mächtig ergreifender Wirkung. Die
Pieta von Blume ist eine unglückliche und wirk-
ungslose Nachahmung.

Besser, wenn auch kein Bild von großer
Wirkung, war ein Triptychon von Kirch-
b a ch , welches die Strafe der Stammelteru nach
dem Sündeniall darstellt. Es zeigt die verfluchte
Natur mit Dornen und Disteln, Adam mühselig
den Ackerboden bearbeitend, Eva mit der Sorge
der Kinder. Die Vorstellung von dem großen
Unglück und Elend, welches die Sünde über die
Menschen gebracht, vermag das Bild in keiner
Weise zu vermitteln.

Demselben nüchternen Realismus huldigt eine
„Ztast auf der Flucht" von Ernst Zim-
mermann. Die Scene erinnert mehr an das
Baierland als an den Orient, mehr an jede ge-
wöhnliche als an die heilige Familie. Und doch
werden die „tief innerlich aufgefaßten biblischen
Gegenstände" dieses Malers von mancher Seite
gerühmt. Wer Kaulbachs „Rast auf der Flucht"
kennt (um dem Modernen einen Modernen gegen-
überzustellen) und sie mit derjenigen Zimmer-
manns vergleicht, kann keinen Augenblick darüber
im Zweifel sei», wo mehr innerliche Auffassung
und wahre Kunst ist.

Fritz Kunz hat zwei religiöse Bilder aus-
gestellt, welche Originalität und Erfindungsgabe
zeigen. Das eine stellt den hl. Franziskus
mit den Vögeln dar in tiefer Bergeinsamkeit.
Das Bild sollte intimer gefaßt sein, es scheint
mehr wegen der Landschaft, über die eine rot-
braune und bläuliche Farbenstimnuing ausge-
gossen ist, gemacht zu sein, als wegen des eigent-
liche» Gegenstandes der Darstellung. Die öde
und unbelebte, unfreundliche Landschaft hebt beit
Gegenstand nicht bloß nicht, sondern verwischt
seinen freundlichen Eindruck völlig. Auch das
andere Bild, Fra Fiesoles Vision, scheint
uns nicht ganz glücklich zu sein. Vor dem
lieblichen Maler des Dominikanerordens er-
scheinen visionäre Engels- und Heiligengestalten,
an ihrer Spitze die Muttergottes. Aber Engel
von der himmlischen Schönheit, wie Fiesole sie
gemalt, kann Kunz mit all seiner modernen Technik
nicht, hinzaubern. Seine Muttergottes erinnert
sehr an die auf dem obengenannten Bilde von
Kaulbach „Rast auf der Flucht". Die Stim-
mung, die über dem Bilde liegt, der Glanz lichter
Verklärung, in den das Ganze getaucht ist, wirken
eindrucksvoll und ansprechend. Das Bild erinnert
in seiner Gruppierung an Flandrins „heilige
j Büßerinnen". Das Ganze hat etwas Unfreies,
Schablonenhaftes, und steht weit zurück hinter
desselben Meisters anderem Bilde: „Die klugen
Jungfrauen". Welch andere Visionen von wahr-
haft himmlischer Schönheit sind Fiesoles „Reigen-
tanz der Engel", „der heilige Dominikus in der
Verklärung" u. s. w.!

Das Ordensleben der Kirche bleibt immer
ein beliebter Gegenstand für die Künstler. Denn
es verbindet sich auch mit der kleinsten Scene,
die ihm entnommen ist, sofort eine große, erhabene
Idee. Auch zeigt sich hier gerade, wie Christentum
und Kirche voll der schönsten und erhabensten
Poesie sind. Das in Nürnberg ausgestellte Ge-
mälde von H e r m a n n K eck, „A l t e u n d j u n g e
Klosterfrauen" wurde mit der goldenen Me-
daille ausgezeichnet. Der Gegensatz zwischen Alter
und Jugend und sein Ausgleich durch die gegen-
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