Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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unserem Interesse näher gerückt ist, gilt
unsere nordische Wanderfahrt.

Nach zweistündiger Fahrt auf dänischem
Dampfer mitten durch den Dänemark und
Schweden scheidenden Oernsnnd, der Breite
nach unserem schwäbischen Meer vergleich-
bar, setzte ich von Kopenhagen aus meinen
Fnß erstmals ans Schwedens Boden.
Wir landeten an der Südküste Schwedens
am Hafen von Malmö, eine emporblü-
hende Handels- und Industriestadt, die
drittgrößte Stadt Schwedens mit ca.
50 000 Einwohnern, an der Hauptdampfer
linie Stettin-Saßnitz-Trelleborg gelegen.
Hanptort der Halbinsel Schonen, die viele
Jahrhunderte hindurch ein Streitobjekt
der skandinavischen wie der norddeutschen
Mächte, der Hansa, gewesen. Seit dem Frie-
den von Noskilde 1668 ist sie mit Schweden
vereinigt. Neben manchen interessanten
Bauten aus Mittelalter und Neuzeit, wie
dem berühmten Ko kn in scheu Haus mit
seinen riesigen Spitzbogen und seinem in fünf
Stockwerken ansteigenden Giebel aus dem
15. Jahrhundert, dem M alm öhnssto 1 t,
einem alten Festnngsbau, jetzt Gefängnis,
das eine Zeitlang auch Bothwell, den
dritten Gemahl Maria Stuarts in Haft
gehabt hatte, und einer alten gotischen
Kirche, St. Peterskathedrale, aus dem An-
fang des 14. Jahrhunderts, schmückt diese
Knotenstation nordischer und südländischer
Völker, auch eines der wenigen katholi-
schen Kirchlein, dessen Hinterbait Sakristei
und Wohnung des durch das Meer von
den Glaubensbrüdern getrennten Pfarrers
bildet, während eine Seitenbauwohnnng
krankenpflegende und arme Kinder unter-
richtende Ordensfrauen beherbergt.

Wie den unverwüstlichen Fortbestand der
Kirche in der Gegenwart auch im hohen
Norden das kleine Kirchlein von Malmö
beweist, so bekundet eine der herrlichsten
Kathedralen der Nachbarstadt Lund
ihr wundersames Walten in längst ver-
gangenen Jahrhunderten:

„Würde die Geschichte schweigen,

Tausend Steine würden redend zeugen.
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt."

Ja, nicht nur Trümmer und Nuinen,
Steine unter dem Boden, mächtige, himmel-
anstrebende Denkmäler bekunden das
weltgeschichtliche Wirken der seit drei Jahr-
hunderten äußerlich fast verschwundenen

kath. Kirche im Norden, ihre Verdienste
für Ausbreitung und Bewahrung"! der
Zivilisation, die einzigartige Förderung
von Kunst und Wissenschaft an Stelle
altgermanischer Barbarei, Verdienste wie
sie allmählich wieder selbst die protestan-
tische nordische Geschichtswissenschaft rühm-
lich anerkennt. Solchen Erinnerungen
aus katholischer Zeit nachzngehen, in Län-
dern, in denen die Stürme der Reforma-
tion gewaltsam den Bau der Kirche zerstört,
spricht immer Herz und Geist des Reisen-
den besonders an, historische Beziehungen,
welche die oft so prosaische Gegenwart
mit der Vergangenheit verknüpfen, die
man mit P. Baumgartner einmal (S. 336)
recht eigentlich katholische Familienbe-
ziehungen nennen könnte. „Nur die ka-
tholische Kirche hat solche durch die ganze
Welt und durch alle Zeiten hinauf, sie,
die große Zeitgenossin des Neuen und
Werdenden wie des Entschwundenen und
Alten." „Was auch immer die spätere
Zeit, auch vielfach im Kampf gegen die
Kirche errichtet, gegründet und weiter ge-
staltet, ruht auch immer auf altem katho-
lischen Unterbau Und keine Werke der
neueren Zeit vermögen die altehrwürdigen
Denkmäler mittelalterlichen Glaubens und
Schaffens unserer Vorfahren, ihre Doine,
ihre Burgen, ihre Hochschulen n. s. iv.
in Schatten zu stellen."

Wir fahren etwa eine halbe Stunde
landeinwärts. Ans der an Burgen, Kir-
chen, Herrschaftssitzen reichen, an Frucht-
barkeit und Einwohnerzahl reichsten südlich-
sten schwedischen Landschaft Schoneu
(Skäne), liegt eine ziemlich unansehnliche
Provinzialstadt mit ca. 13 000 Einwoh-
nern und 800 Studierenden der Univer-
sität, niit einigen wenigen modern aus-
sehenden Straßen und Anlagen; was
soll in dem Städtchen Lund ein Dom,
eine romanische Kathedrale, die an Schön-
heit und Würde mit den Kathedralen von
Trondjam und Upsala (der norwegischen
schwedischen Schwester) wetteifert, seit
ihrer Restauration ein wahres Juwel der
Baukunst, außen wie innen? Lund,
das schwedische Lund — Londinum Go-
thorum im Unterschied von dem englischen
Lund. London war der älteste Metropo-
litansitz des Nordens. Im Jahr 1103,
272 Jahre nach der Aussendung des
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