Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 32
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32 —

Gedanken über Beleuchtungs-
anlagen in Kirchen.

Vv» Prüf. r>r. Ludwig B nur, Tübingen.

I.

ES handelt sich im folgenden natürlich
nicht nm die liturgische Beleuchtung, auch
nicht um künstliche und außerordentliche,
deren Zweck über die nächsten praktischen In-
teressen hinansgeht, sondern um gewöhnliche
Beleuchtungsanlagen. Die Beleuchtungs-
frage ist eine heikle Frage, die schon
manches Kopfzerbrechen machte, nicht nur
weil sie schwierig ist an sich, insofern hier
ästhetisch Zulässiges und praktisch Notwen-
diges sich nicht so sicher gegenseitig ab-
grenzen lassen, sondern weil sie heute auch
unter so ganz andersartigen Umständen
erhoben wird, als früher, weil die Be-
dingungen und Mittel ihrer Lösung so
sehr verschieden sind gegenüber denen der
Vorzeit, weil endlich die bisher gemachten
Probe» über das Stadium tastender Ver-
suche noch nicht völlig hinansgeschritten
sind und noch kein so ausgedehntes Beo-
bachtungsmaterial darstellen, daß darauf
für alle Einzelheiten bereits definitive
Antworten zu geben wären, denen allge-
meine Zustimmung sicher wäre. Wenn
wir es daher im folgenden versuchen, zu
der Frage Stellung 511 nehmen, so möchte
dabei gewiß nicht der anmaßliche Anspruch
ans definitive Lösung erhoben, wohl aber
mochte das Interesse geweckt und vor
allem ans diejenigen Punkte Wert gelegt
werden, die als grundsätzliche zu bezeich-
nen sind und die auch schon mit solcher
Bestimmtheit erkennbar sind, um eine
grundsätzliche Antwort wohl zuznlassen.

Diesen allgemeinen, grundsätzlichen Fra-
gen wenden wir uns nunmehr zu, um zu
sehen, welche Folgerungen daraus für
unseren Fall zu ziehen sind. Sie liegen
vor ollem in den zwei Fragen über das
Verhältnis des Lichtes zum Nanmgefühl
und über das Verhältnis der Lichtvor-
richtnng (Beleuchtungskörper) zur Archi-
tektur. Weitaus die meisten werden ohne
weitere Debatte zugeben, daß ein scharfes
grelles Großlicht in den gottesdienstlichen
Raum nicht paßt. Nicht so prompt wird
die Antwort erfolgen, wenn wir nach den
Gründen dieser ablehnenden Stellung-
nahme fragen. Ist das nur ein unbe-

st immtes Gefühl, über das man auch
anderer Meinung sein kann, oder hat es
tiefere Gründe, aus denen sich eine klare
Stellungnahme ergibt? Das Charakter-
istische einer Kirche wie der allgemeine
unmittelbare, aber stets, wenn auch un-
bewußt wirksame Stinimnngseindrnck, den
sie auf uns macht, liegt in dem eigen-
artigen Nanmgefühl, das sie in uns
hervorruft. Es ist das Sublimste, was
der Architekt durch seine Koinpositions-
knnst anstrebt. ES ist — fast möchte man
sagen — die Seele eines kirchlichen Bau-
werkes, die man wohl empfinden, aber nicht
recht begrifflich fassen kann. Ganz an-
ders ist der Slimmnngsgehalt und das
Raumgefühl in Lun Paolo fuori le
mura, wieder anders etwa im Mainzer
Dom, wieder ein anderes im Dome zu
Köln und ein anderes in dem 51t Ant-
werpen. Völlig anders umfängt es uns
in einer Zentralkirche, wie etwa Zan Vi-
tale zu Ravenna und wieder anders in
einem Renaissance- oder Barockkuppelban.
Es ist nicht der Stil, es sind nicht die
Details, sondern eS ist der Raumeindruck,
der zunächst in besonderer Weise uns er-
greift, uns seelisch faßt und ans uns ivirkt.
Worauf beruht nun dieser Ranmein-
drnck? Auf mehreren Faktoren, die als
raumkonstituierend in Betracht konnnen:
ans dem Verhältnis des Hauptraumes zu
den Nebenränmen, das in charakteristisch
verschiedener Weise mehr oder »linder
vollkommen das Bewußtsein der Raum-
einheit, Geschlossenheit, der Ruhe oder
Unruhe in uns hervorbringt; ferner
ans dem Verhältnis von Höhe und
Breite wie auch der perspektivischen
Linienführung, durch welche dieses nnler-
setzt und vollendet wird, llnd endlich —
ein sehr wichtiges Moment! — ans
dein Lichteinfall, der seinerseits auf
der Anbringung und Verteilung der
Fenster beruht. Die Wirkung für Her-
stellung des Raumgefühls innerhalb der-
selben Stil- und Bauart wird eilte völlig
andere sein, wenn das Licht ausschließlich
von dem Lichtgaden zugeführt wird, oder
wenn es von den beiden Seitenschiffen
und vom oberen Lichtgaden zugleich (also
gnergeschichtet) hereinströmt, oöer wenn
es von seitwärts ungehemmt hereinflulet
und zugleich von einem zentralen Kuppel-
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