Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 33
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bau hernbwogl, sich mit bei» anbereit
verbindend, mit eigentümliche milde Schat-
leuivirkuugeu hervorznzaubern. Auf diesen
Faktoren beruht beispielsweise die Raum-
wirkung'der Gotik, von welcher Rudolf
Kautzsch in einer außerordentlich anre-
genden Studie (Die bildende Kunst und
das Jenseits, Jena 1905 S. 45 f.) sagt:
„Auch die gotische Kathedrale ist nicht
Anßenban im Sinne des griechischen
Tempels, auch sie entfaltet ihre Hanpt-
wirknng ans den Beschauer erst, wenn er
de» Jnnenranm betritt und ihn von
Westen nach Osten vorschreitend allmählich
dnrchmißt. Dabei erfährt er . . . zu-
nächst die Wirkung der Abfolge verschie-
den gestalteter Räume selbst. Er durch-
schreitet einen Raum, der eine bestimmte
Richtung hat und auch ihm diese Richtung
anfzwingt: die langrechteckige Gestalt des
Mittelschiffs, die Ueberhöhung derHaupt-
axe, die deren Bedeutung hervorhebt, die
Reihe der Arkaden, der Zug der beglei-
tenden Seitenschiffe, alles weist ihn ans
das Ziel hin, dem er selber zustrebt.
Diesem Raum der Richtung stellt sich ein
Raum der Ruhe entgegen, mächtig ein-
gcleitet durch das Querhaus, endgültig
geschlossen im Chor. Dessen zentralisie-
rende Ausbildung, die Anlage eines
Umgangs mit radial ansstrahlenden Ka-
pellen bnngt das feste Beharren dieses
Ziels deutlich zum Ausdruck. Born lauter
Bewegung nach der Tiefe, hier ein Mittel-
pnnkt, um den sich der Raum in gewalti-
gem Aufschwung abschließend emporwölbt."

Nun ist aber zu beachten, daß das
Licht, welches konstituierender Faktor des
Raumeindruckes ist, das diffuse, gleich-
mäßig verteilte Licht des Tages ist. Der
örtliche Raum, den es Herstellen hilft in
unserem Bewußtsein, steht im Licht,
nicht umgekehrt! Dieses diffuse Licht kann
in der Eigenart seiner Wirkung durch
kein anderes ersetzt werden. Jedes andere
Licht muß den Nanmcharakter selbst ver-
ändernd und zwar umso ungünstiger ver-
ändernd beeinflussen, je weiter eS sich vom
Charakter des diffusen Lichtes entfernt,
d. h. je aufdringlicher und markanter die
Lichtquelle ist, je mehr sie Schatten wirft.

Doch wozu all das? Etwas Geduld!
Wir werden gleich sehen! — Vorerst noch
eine andere Beobachtung: sie betrifft das.

was wir die eigenartige S t i m m u n g
eines R a u m g a n z e n heißen. Diese
ist w esent l ich von der Inten-
sität (Färbung und Tönung) des
Lichtes abhängig und von dem Zu-
sammenspiel des Lichtes mit der natür-
lichen oder künstlichen Farbengebung des
Innern. Ein zu scharfes grelles, weißes
Licht mindert die gefühlsmäßige Raum-
stimmung herab, ja, ertötet sie ganz, ein
gemildertes Licht ermöglicht bezw. steigert
sie. Soll uns der Raum einer Kirche
als solcher znsagen, d. h. soll er in Ein-
klang stehen und znsammengestimmt sein
mit der Eigenart des religiösen Gefühls,
der religiösen Stimmung, welche die Re-
sonanz für unser religiöses Gebaren am
heiligen Orte abgeben muß, so muß
e i n g l e i ch a r t i g e s S t i m m n n g s e l e-
ment in beiden vorhanden sein,
das die eine befähigt, die andere zu unter-
stützen, anzuregen und zu heben. Wo
dieses Gleichartige fehlt, da ist etwas
Unbefriedigtes, Unbehagliches, ein Zwie-
spalt zwischen Umgebung und innerer
Stimmung und es will dann nicht leicht
gelingen, die Seele von den Außendingen
znrückzuziehen und auf das Ewige, Gött-
liche, Geheimnisvolle, Unaussprechliche zu
richten. Worin liegt dieses Gleichartige?
Die Eigenart des religiösen Gemütes und
Gefühls, das den unbewußt stimmungs-
mäßigen Untergrund dessen bildet, was
wir in der Kirche tun, wenn immer wir
mit ganzem Herzen dabei sind, jenes lin-
definierbare, das beim Gebete die Innig-
keit, Tiefe und Kraft, bei religiösen Ent-
schlüssen die Spannkraft und Tragfähig-
keit mitbedingt, liegt in jenem Zwielicht,
jenem Halbdunkel, jenem geunlderten Däm-
merlichte, in welchem wir hienieden Gott
und das Göttliche erkennen. Wie das
Glanbensgeheimnis, das inbrünstige Gebet,
die süße Zwiesprache mit Gott, das kalte
Licht des Kritizismus und Nationalismus
nicht ertragen kann, ohne Schaden zu
leiden, ohne profaniert, in seinem Wert-
vollsten geschädigt und in seinem Tiefsten
verletzt zu werden; wie der Glaubens-
inhalt nicht restlos in ein Vernnnftsystem
aufgelöst werden kann, dem nichts Ge-
heimnisvolles, Unenträtseltes mehr an-
haftet, wie alle Gestalten des religiösen
Lebens gleichsam in einem geheimnis-
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