Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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vollen Dämmerlichte vor uns stehen, dos!
sich, aus Glauben und Erkennen znsam-
mensetzt, so erträgt auch die Stimmung
des Kirchenraumes kein zu scharfes, pro-
fan-nüchternes Licht, sonst wird sie ent-
weder ganz unmöglich, oder kommt nur
äußerst schwer zu staude. Es war daher
eine an sich durchaus richtige Erkenntnis,
wenn das christliche Altertum durch seine
spärlich angebrachten Fensteröffnungen,
wenn das Mittelalter, das durch seine
Glasmalereien den Kirchenraum nach
außen hin abschloß, damit jenes halbdäm-
merige Licht erzeugte, das jenem charakte-
ristischen Timbre des religiösen Geheim-
nisses und weihevoller Stimmung korre-
spondiert, und bei dem diese einer Saite
gleich mitschwingt und mittönt. — Daß
dabei immer das richtige Maß eingehalten
worden sei, soll damit keineswegs be-
hauptet werden. Aber so viel ist gewiß:
es bedurfte der ganzen geistigen religiösen
und ästhetischen Bettelarmseligkeit und
Poesielosigkeit der Anfklärungszeit, um
dieses wichtige ästhetische Prinzip zu über-
sehen oder zu ignorieren. Mit vollstem
Recht schreibt A. Schnütgen („Zeit-
schrift für christliche Kunst" 1892, S. 353):
„Wo dieses gedämpfte Licht den frommen
Besucher empfängt, fühlt er. sich sofort
von der Heiligkeit des OrteS ergriffen,
und einzelne Kirchen, in denen dieses Licht
als eine Erbschaft des Mittelalters in be-
sonderer Jntensivität sich erhalten hat,
wie die Dome von Freiburg und Straß-
bnrg, verdanken ihm ein gutes Stück ihrer
überwältigenden Wirkung."

Was ergibt sich nun ans all
dem Gesagten Grundsätzliches
für die Frage, die wir vor uns
haben? Offenbar zweierlei: 1. als

raumkonstitnierendes Licht kann nur das
diffuse Licht in Betracht kommen, das
durch kein anderes, meint auch noch so
intensives Licht ersetzt werden kann. Jedes
andere Licht muß im Raume selbst ange-
bracht werden und verschiebt durch die
Verschiedenheit der Lichlintensität und starke
Schaltenwirknng die Raumorientiernng, ge-
stattet kein gleichmäßiges Dnrchdrnngenseiu
des Raumes durch das Licht und läßt darum
kein befriedigendes Ranmgesühl zu stände
kommen. 2. Jedes scharfe Licht tut der
kirchlichen Räumst immung weh, wirkt

ernüchternd, prosanierend, weltlich kalt,
ganz abgesehen von den anderweitigen
Jdeenassoziationen, die sich an die Ver-
wendung bestimmter Lichtquellen knüpfen.

Daher i st e s u n ä st h e t i s ch, p e i n-
l i ch, a n f d r i n g l i ch, dem religiösen
Gefühl zuwider und darum völlig
verfehlt, wenn in einer Kirche
das s ch n r f st e L i ch t a n g e b r a ch t
wird, das die Neuzeit kennt: das
elektrische V o g e n l i ch t (und wohl
auch das Gasglühlicht, wenn es nicht stark
gemildert wird). Heiße sie nun Excello-
Flammenbogenlampe, heiße sie Regina-
oder Reginula-Daüerbrandlampe, Siva-
oder Liliput- oder Miniatur-Bogenlampe:
sie alle haben innerhalb der Kirche kein
Existenzrecht.

Zu den ästhetisch religiösen Gründen
kommen dann speziell für diese Art der
Beleuchtung noch andere. Einmal ist es
ständige Sitte, Theater, Zirkus, Tingel-
tangel, Wirtschastslokäle,Kinematographen,
Verkaufshallen, Karussells, öffentliche Plätze
mit elektrischem Bogenlicht zu beleuchten.
Durch diese stätige Verwendung zu äußerst
profanen Zwecken entsteht in uns von
vornherein die psychische Disposition, deren
wir uns nie ganz erwehren können, die
Idee des Profanen, Alltäglichen, Anf-
dringlichen. Marktschreierischen, Reklame-
Haften, selbst zweifelhaft Zulässigen mit
dieser Lichtart zu verbinden. In dieser
psychologischen Assoziation liegt aber, was
wir ausdrücklich nochmals hervorheben
möchten, wenigstens für uns nicht der
einzige und ausschlaggebende Hauptgrund,
warum wir sie ablehnen, sondern in der
oben ausgeführlen objektiven Unverträg-
lichkeit mit der kirchlichen Raumstimmung,
mit dem geheimnisvollen Charakter des
religiösen Lebens und Empfindens, mit
dem maßvollen Charakter der Liturgie
und der hieratischen Kunst, der viel zu
! fein ist, um in ein so schonungsloses Licht
gestellt zu werden. Vollends unzulässig
wird natürlich die elektrische Bogenlampe
da, wo nicht Gleichstrom, sondern Wechsel-
strom vorhanden ist, der ein scharfes,
summendes und überaus lästiges Geräusch
hervorbringt. Auch das Auswechseln der
Kohlen macht für die praktische Verwen-
dungin der Kirche Schwierigkeiten. „Nicht
scharfe, grelle, große Lichtquel-
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