Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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Folgen Sie mir endlich noch kurz in
einzigartige unterirdische Räume, eine
Kirche unter der Erde, unter dem
Dom. Bon beiden Seitenschiffen aus
steigt man auf zahlreichen Stufen in
eine Krypta hinab, eine der größten,
die es überhaupt gibt: die Gruft des
Lunder Doms ist 37 m lang, 10 m breit
und 4 m hoch, zählt 24 Pfeiler von
immer noch blendend weißem Stein.
Es ist eine stattliche Hallenkirche, in deren
unterirdischem dumpfem Schweigen und
Totenstille sich erst recht traute Zwie-
sprache mit den alten Geschlechtern
halten läßt, die hier einst ihre Ruhe ge-
funden, Zwiesprache mit den ältesten
Zeiten, ja mit der altersgrauen sagen-
haften Vorzeit. Denn leibhaftig findet
man dort an einem Pfeiler die Sagen-
gestalt des Niesen Finn und seines
Weibes, des riesengroßen Unholds oder
Troll. Es ist das Hauptschanstück für
alle einheimischen und fremden Besucher,
eine architektonische M e r k w ü r d i g -
keit, die ein Stück alter germa-
nischer Heldensage und mittel-
alt e r l i ch e r V o l k s l e g e» d e i n S t e i n
verkörpert hat, bis auf den heutigen
Tag. Ein altes Weiblein, des Küsters
Ehegespons, erzählte uns die nordische
Sage drollig da unten vor der wunder-
lichen Riesengestalt und sagte und sang
das Liedlein über Troll und Lars, sie
selbst eine lebendige Saga; es ist die
Sage von St. Laurentius, dem Patron
der Kirche und dem Riesen Finn, die
Schwedens größter Dichter Esajas Tegner
in einer Ballade, in dem Prolog ver-
ewigt hat, zu einer geplanten Epopöe
über den berühmten Erzbischof Absalom,
den Gründer Kopenhagens und Gerda
die Riesentochter.

Der hl. Laurentius (Lars), so lautet
die alle Sage, ging durch Berg und
Wald und sann darüber nach, wie er
dem Herrn zu Ehren eine recht würdige
Kirche erbauen möchte. Da trat aus einem
Berge ein ungeheurer Riese hervor und
versprach ihm, seinen Wunsch zu erfüllen,
bedingte sich aber als Arbeitslohn Sonne
und Mond und St. Lars (— Lau-
rentius) beide Augen aus, wenn ihm
dieser nicht, nach vollendetem Bau, seinen
Namen sagen könnte. Den wußte der

Heilige nicht und konnte ihn auch kaum
erfahren, denn die ausbedungene Frist
war so kurz, daß es unmöglich schien,
in derselben eine Kirche zu bauen oder
den Namen des Niesen auszukundschaften.
Mit unbeschreiblicher Schnelligkeit erhob
sich der Ban und der Tag nahte schon,
wo der Unhold kommen sollte, um seinen
Lohn zu holen. Da wanderte St. Lars
betrübt durch Berg und Tal und wußte
nicht, wie er sich helfen sollte. Plötzlich
aber hörte er ein Kind weinen und die
Mutter sang:

„Still, still. Kleiner, Söhnchen mein!

Morgen kommt Finn, dein Vater,
heim.

Der bringt dir Sonne und Monden-
schein

Und St. Lars beide Augen."

Nun wußte St. Lars des Niesen Namen
und hatte Macht über ihn. Als aber der
Unhold das merkte, kam er mit seiner
Frau in die Halle der vollendeten Kirche
und faßte einen Pfeiler lind seine Frau
auch, und sie wollten — wie weiland
Simson — den Pfeiler umreißen und
so die ganze Kirche zerstören. Aber im
selben Augenblick machte St. Lars das
Kreuzeszeichen über sie und rief: „Hier
sollt ihr versteinert bleiben bis zum jüng-
sten Tag." Und so geschah es. So
wie sie dastanden, wurden sie in Stein
verwandelt, an dem einen Pfeiler der
Riese Fiun, an dem andern die Riesen-
frau mit dem Kinde auf dem Arm. (Baum-
gartner S. 302 ff.)

Solche phantastische neckische Tier- und
Menschengestalten finden Sie an den
meisten romanischen Bauwerken auch bei
uns; ihr Unverständnis führte in späterer
Zeit dann auch bei uns zu ähnlichen
ätiologischen Sagen.

Bon den G r a b d e n k m älern, deren
diese herrliche zum Teil mit reichem Or-
namentenschmuck an den Säulenkapitäleu
versehene Gruft sicherlich einst viele barg in
ihrem unterirdischen Schoß, fand ich nur
eines ganz und gut erhalte», den mäch-
tigen Steinsarkophag des vorletzten Erz-
bischofs Birger, f 1529, mit schwedischer
Inschrift nitb der Gestalt des Toten am
steinernen Deckel. Außer dem Sarko-
phag des ersten und letzten katholischen
Bischofs ist noch aus dieser vorreforma-
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