Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 50
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welche das unmittelbare Dach des ThronnS
bildet, erhebt sich dann die Architektur
zur reichsten Gestaltung. Hier tritt das
Sechseck dominierend hervor, zunächst in
der überreichen, ans echt spätgotischen
Eselsrücken, sich schneidenden Kreisteilen
u. s. w. gebildeten Bekrönung, die über
der Kuppel zu schweben scheint; aus ihrem
Innern steigt ein köstliches Tnrmmerk auf,
— hier ist das obere Sechseck auf dem unteren
„über Eck" gestellt, — in dessen durch-
sichtigem Innern das Bild des Gekreu-
zigten mit Maria und Johannes thront,
und darüber erhebt sich, von weit aus-
ragenden „Frauenschuhen" zierlich um-
spielt und von schlanken Fialen, die wieder
übers Eck gestellt sind, flankiert, der hohe
durchbrochene Turmhelm mit reichem
Krabbenschmuck und den zwei abschließen-
den Kreuzblumen. Man sieht: das Ganze
ist streng systematisch und vollständig ein-
heitlich konstruiert von unten bis oben.
Nur dann, wenn mau den Grundriß der
ganzen Architektur sich znrechtlegt, kommt
Einem die volle Tiefe und Harmonie der-
selben zum Bewußtsein. Der Reichtum
der Gliederung, der vielfach ganz be-
rückend ivirkt, führt sich auf ein im letzten
Grund ganz einfaches Grundgesetz zurück,
auf die Beibiuduug des Kreises mit beut
Sechseck im Grundriß: zwei nächstver-
wandte Formen: ist doch die Sechseckseite
identisch mit dem Radius des sie be-
grenzenden Kreises. Die gotischen Mon-
stranzen haben im allgemeinen zweierlei
Anlagen in ihrem Aufbau: sie sind ent-
weder ein Altar- oder ein Turmbau im
kleinen. Die erstere Art ist mehr Flächen-
werk, geht in die Breite und verlegt alles
auf die Schauseite, die letztere aber ist
ivirkiiche Architektonik, geht in die Höhe
ivie in die Tiefe und bietet nach allen
Seiten die gleich vollkommene Erscheinung,
also eine Monstranz, ein Schauwerk im
besten Sinne — nur der Fialenaufbau
rechts und links bildet, gleichsam als
Ehrengarde, noch eine besondere Flan-
kierung des Thronus für die Lunula.
Daß die letztere Art des Moustranzenbaus
weitaus die vollkommenere ist, liegt auf der
Hand; sie entspricht der Idee am besten.

Dadurch ist auch das Verhältnis der
Höhe zur Breite im allgemeinen schon
gegeben.

Dem Auge, welches an gotische Mon-
stranzen mit Altar-Imitationen oder an
solche mit Barock- und Rokoko-Scheiben-
und Sonnenformen gewöhnt ist, mag auf
den ersten Anblick die Leutkircher Monstranz
im Verhältnis zur Höhe zu schmal erscheinen.
Aber diese Selbsttäuschung schwindet beim
Eingehen auf den Charakter der Anlage der-
selben. Die oben angeführten Monstranzen
wollen in mehr oder weniger bewußter
Weise eine U m r a h m u n g, eine möglichst
reiche und breite Rahme, rings um die
heiligste Brotsgestalt bilden, wobei nur
Eine Seite, die Vorderseite, in Betracht
kommt. Die ganz architektonisch gedachte
Monstranz für Leutkirch aber will mehr.
Sie will ein Haus, eine richtige Ka-
pelle für das Sanktissimum sein, die
nach allen Seiten hin in Erscheinung tritt.
Der Expositionsraum mit kreisförmigem
Grundriß ist gebildet durch die vier Pracht-
pfeiler, welche die Kuppel tragen, die oben
den Raum überwölbt. In der Mitte dieses
RauuteZ, nach allen Seiten hin sichtbar,
befindet sich der Thronus, die Lunula mit
dem Sanktissimum; derselbe ist flankiert
von dem Fialenban zit beiden Seiten, und
über ihm steigt in voller Pracht die Be-
dachung himmelan : der Bekrönungsbau, der
sich in seiner Turmgestalt in drei Etagen glie-
dert und auflöst: ein ebenso majestätischer,
als wunderbar zierlicher, durchgeistigter
Kronbaldachin über dem Ort, wo des Herrn
Herrlichkeit wohnt. Derselbe präsentiert
sich nach allen Seiten hin gleich schön,
gleich reich: man ersieht das klar aus
der Seitenansicht der Monstranz: denkt
man sich die beiden Fialenwerke rechts
und links von der Vorderansicht weg, so
hat mau tHielt Kapellenban mit Turm-
anlage im Sechseck, der nach keiner Seite
eine Verkümmernng erleidet. So ist also
die Monstranz im vollsten Sinne ein
tabemaculum, ein Sakraments haus, ein
nach allen Regeln der Architektonik erbautes
Kirchlein von Silber für die Eucharistie.

Aus der Betrachtung des Auf- und
Grundrisses der Monstranz ergibt sich,
daß das Werk vollständig einheitlich an-
gelegt und überaus klar disponiert ist.
Das Eine ergibt sich notwendig und gesetz-
mäßig aus dem andern, nichts ist un-
motiviert, nichts willkürlich eingemischt,
nichts bloß äußerlich angeklebt. Die Ver-
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