Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 60
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dem Entwürfe zu gute; in beiden gibt er
sein Bestes.

Das Werk ist vor allem sehr solid kon-
struiert. Die Hanptträger der Architektur
sind von oben bis unten Ein Stück, die Ver-
bindungen der anderen Glieder sind stark
und dauerhaft, Schrauben sind möglichst
vermieden, die Fialen mit ihren Krabben
und Kreuzblumen aus Einem Stück Fein-
silber geschnitten, die in Silber gegossenen
Figuren in wiederholtem Gußverfahren
mit immer sorgfältigerer Nachziselierung
hergestellt, die ganz außerordentlichen
Schwierigkeiten, welche sowohl die Blatt-
und Vlumenornamentik an der Tragplatte
der Monstranz wie die mehrmals über Eck
gestellte Sechseck-Architektur für die Mon-
tierung mit sich brachten, sind brillant
überwunden: alles stimmt und geht zu-
sammen und das Kleinste, Geringste ist
mit derselben Sorgfalt gearbeitet, wie das
Bedeutungsvollste. Und all diese technische
Vollendung und Schönheit hat zugleich
die Gewähr der Dauer: das Werk ist
überaus kräftig und solid, die Einzelteile
bleiben im Lot; ein Losewerden derselben
ist ausgeschlossen, wenn nicht Außerordent-
liches dazwischen kommt.

Dieser technischen Solidität entspricht
auch die Färbung der Monstranz. Es
ist ja ein bekannter und beliebter Kunst-
griff, durch protzige, überreiche Vergoldung
das Auge des Laien zu blende» und selbst
über handgreifliche Mängel der Zeichnung
wie der Technik hinivegzntänschen — leider
lassen sich auch solche Instanzen, die im
Interesse ihrer eigenen Kirchen ein unge-
trübtes Urteil haben sollten, durch diese
schreiende Reklame nicht selten allzu sehr
imponieren. Es ist ja begreiflich, daß
bei Kupfer- und Messinggefässen, die dein
Heiligsten dienen, nicht die Naturfarbe
bleibt, und bezüglich der Kelche bestehen
ja bestimmte Vorschriften, aber die pure
Vergoldung einer Silbermonstranz will
uns fast als etwas Marktschreierisches
anmuten. Das Silber ist ein Edelmetall,
und seine wunderbare Farbe hat ebenso
ein Recht wie die des Goldes, ltnd speziell
stimmt die Silberfarbe zu der gotischen
Architektur weit besser als das Gold, weil
sie mehr Aetherisches an sich hat und weil
sie die feinen und feinsten Fialen, Türm-
chen n. s. iv. viel klarer heraustreten läßt.

Natürlich ist eine maßvolle Ziervergoldnng
einzelner Teilchen dabei nicht ausgeschlossen.
So haben es auch die Alten meistens ge-
halten. Und das ist auch bei der Leut-
kircher Monstranz eingehalten. Sie erscheint
als das, was sie wirklich ist: als ein
Feinsilberwerk, und in dem Wechsel zwi-
schen Matt und Blank mit nur sparsamer
Ziervergoldung bietet sie in ihrem duf-
tigen, reinen Silberschimmer eine herrliche
Erscheinung.

Fassen wir unser Urteil über die Mon-
stranz kurz zusammen, so glauben wir,
sagen zu dürfen: das Werk ist in seiner
einheitlichen, harmonischen Anlage und
Gliederung, in seinem stilgerechten Aufbau,
in seiner tadellosen, meisterhaften Aus-
führung, in seiner strenggeschlossenen, ziel-
bewußten Erscheinung als Monstranz, als
tragbares Sakramentshaus, in seinem
Reichtum und seiner Schönheit an Formen
und Farbe die schönste und vollendetste
neue Monstranz, welche die Diözese Rotten-
bnrg seit ihrem Bestehen erhalten hat;
sie wird von keinem der übrigen Werke,
so schön manche derselben sind, erreicht
oder gar übertroffen. Und man darf
deshalb der Stadtpfarrkirche nne der katho-
lischen Gemeinde von Lentkirch zu diesem
Werke aufrichtig Glück wünschen. Wenn
auch der Preis dafür — obgleich er nach
unserer Ueberzeugung äußerst billig ge-
halten ist — eine ansehnliche Summe
darstellt (mit Rücksicht ans den bezw. die
Stifter soll er nicht genannt werden), so
ist er für ein Prachtwerk ersten Ranges
bezahlt worden, für ein Werk, das auf
Jahrhunderte hinein geschaffen ist und
: das, weil durch und durch künstlerisch, in
seinem Werte mit der Zeit immer mehr
zunimmt, während Dutzende und Dutzende
von anderen Kirchengefäßen aus neuerer
und neuer Zeit, für welche zusammen viele
Tausende bezahlt wurden, ein nichts weniger
als ehrenvolles Zeugnis für die Leistungs-
fähigkeit und den Geschmack ihrer Be-
steller imb Lieferanten sind. Der Meister
der Lentkircher Monstranz aber, Herr Gold-
schmied Hugger in Rottweil, verdient ebenso
unser» aufrichtigen Glückwunsch zu diesem
neuesten und vollendelsten Erzeugnis seiner
Wertställe. Er hat darin gezeigt, daß er
die Formensprache der echten Gotik mit
Sicherheit beherrscht und daß er dennoch
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