Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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6.1

ein selbständig schassender Künstler unserer
Zeit ist. Dies geht ans einem Vergleich
der neuen Leutkircher mit der alten Tie-
fenbronner Monstranz deutlich hervor.
Das letztere ideale Meisterwerk der Spät-
gotik trägt überall nur architektonische
Zierate und Ornamente; die Leutkircher
Monstranz aber hat vielfach natnralisti-
schen Schmuck (wenn auch stilisiert), und
das ist ein Vorzug für sie.

Znm Schlüsse noch eine Bemerkung
allgemeiner Art.

Der vertragsmäßig festgesetzte Termin
für die Ablieferung der Leutkircher Mon-
stranz wurde von dem Besteller auf die
wohlbegründete Darlegung des Meisters
weiter hinausgeschoben, und das kam dem
Werke sehr zu statten. Es ist ja sehr
begreiflich, daß man mit einer gewissen
Ungeduld auf die Ausführung solcher Be-
stellungen wartet und sie speziell auf be-
stimmte Feste wünscht, und manchmal
mögen auch dringende Gründe für ein
unnachsichlliches Bestehen auf dem Termin
vorliegen. Aber anderseits wird man sich
doch auch hüten müssen vor zu heftigem
und rücksichtslosen Drängen nach der Ab-
lieferung eines bestellten Werkes. Denn
— ganz abgesehen von Krankheitsfällen
und dergleichen — brauchen eben meister-
mäßige Arbeiten ihre Zeit, besonders für
die feinen und heiklen Detailarbeiten, bei
allem Fleiße. Eilen, Hasten, Forcieren
und Sichüberanstrengcn führen notwendig
zu ungleicher und halbfertiger Arbeit, zu
oberflächlicher, ja selbst zu unsolider Be-
handlung derselben, und das Resultat ist
eben teilmeises Pfuschmerk, durch welches
selbst ein ganz fein entworfenes Stück
schweren Schaden leidet. Dazu kommt
aber noch etwas. Kein Kunstwerk ent-
springt ganz fertig und vollkommen dem
Haupte des Zeichners. Und auch wenn
es iin ersten Entwurf noch so glänzend
sich darstellt: es bedarf der Reife, der
Ausreifung. Das aber gibt allein die
Zeit. Ein Entwurf, der künstlerisch wert-
voll werden soll, muß zuerst eine Zeit lang
ruhen, sein Zeichner hat Muße nötig, um
sich aus seinenl Werk heraus und über
dasselbe zu objektiver Betrachtung und
Prüfung zu erheben. Und je gründlicher
er dies tut, umsomehr wird es ihm ge-
lingen, die Idee, die ihm vorschwebt, in

künstlerische Formen zu bannen und zugleich
das Ganze bis in den letzten und kleinsten
Teil hinaus anszukomponieren, bis es
als reife Frucht fertig in seinen Hän-
den liegt. Es gehört nicht bloß Geld
zur Verwirklichung einer künstlerischen Be-
stellung, es gehört auch Zeit dazu — aus-
reichende Frist so gut, wie ausreichende
Bezahlung. Wir möchten deshalb
im allgemeinen — uolt 9totfcilleii
abgesehen — dafür plädieren,
daß den Künstlern, seien sie nun
Metallurgen oder Maler oder
Bildhauer u. s. w., nach dieser
Seite weitherzig und geduldig
e nt gegen geko m men wird. Den Nutzen
haben immer die Besteller. Das hat sich
auch an der Leutkircher Monstranz gezeigt.
Wer den ersten Aufriß derselben mit der
> Ausführung vergleicht, der kommt zu der
Ueberzeugung, daß die dem Meister in nobel-
1 ster Weise gewährte Frist das Werk auch
zur vollkommenen Reife hat gedeihen lassen.

Gedankon über Beleuchtungs-
anlagen in Kirchen.

Aon Prof. Nr. Ludwig Baue, Tübingen.

III.

(Schluß.)

3. Von da aus entwickelte sich nun im
wesentlichen nach denselben Grundsätzen
die m i t t e l a l t e r l i ch e K i r ch enbe-
i leuch tun g weiter. — Zunächst schied
sich die liturgische Altarbelenchlung von
der praktischen und notwendigen Kirchen-
und Chvrbeleuchtnug. Wir können sagen,
daß die liturgische Allarbelenchtnng etwa
seit dem 12. Jahrhundert (sicher vor der
Zeit Innozenz' 1IJ) allgemein wurde?)
Die andere Beleuchtungsform der Kirche
schließt sich an die des Altertums an.
Wenn mir aus der literarischen Erwäh-
nung einen Schluß ziehen dürfen, so muß
man offenbar, vorab in den größeren
Kirchen (Klosterkirchen vor allem) auf das
! Vorhandensein eines Kronleuchters
(corona, rota) oder auch vou mehr-
facheu Licht krönen großen Wert gelegt
haben?) Und in der Tat! Die prächtigen

l) Einen suimnarischen Ueberblick über diese
Entwicklung gibt I. Sauer, Symbolik des
Mrchengebäudes. Freiburg 1003, S. 181 s.

*) Solche coronae erwähnt der Verfasser
der Vita Desiderii ep. Caturc. c. 9; Anasta-
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