Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 62
DOI Heft: 10.11588/diglit.15940.38
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15940.41
DOI Seite: 10.11588/diglit.15940#0069
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1907/0069
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Exemplare, die uns aus der romauischeil
und gotischen Zeit erhallen sind, zeigen,
mit' sehr dieses allchristliche Motiv durch
eine gedankenvolle Symbolik vertieft und
zugleich stilistisch dnrchgebildet wurde.
Wohl im Zusammenhang mit der gerade
um die Zeit des 10—12 Jahrhunderts
intensiver bearbeiteten Apokalypsis-Exegese
legte man dem Kronleuchter die tiefe
Symbolik des himmlischen Jerusalem zu
Grunde. Die entsprechenden künstlerischen
Inspirationen flössen aus der Betrachtung
des 21. Kapitels der geheimen Offen-
barung.

lieber den Neichtum derartiger Kron-
leuchter geben uns die noch erhaltenen
wertvollen Stücke, hergestellt aus Eisen,
vergoldetem Kupferblech und Silber,
klaren Aufschluß. Die romanischen Kirchen
müssen offenbar ziemlich reichlich mit solchen
großartigen Lichtgeräten auSgestattet ge-
wesen sein. Wie wir aus literarischen
Quellen erfahren, besaßen solche Kron-
leuchter n. a. die Abteikirche von Korvey
(10. Jahrhundert unter Abt Thietmar,
983—1001),x) St. Pantaleon in Köln,
eine der schönsten und kunstreichsten Lichter-
kronen, die Kathedrale in Lüttich, die
Stiftskirche zu Weissenburg i. E.
Der Chronist des 12. Jahrhunderts be-
richtet, daß im Mainzer Dom fünf
große Lichterkronen vorhanden gewesen
seien?) — Einzelne überaus prachtvolle
Exemplare sind uns noch ans der ro-
manischen Zeit erhallen; so sei erinnert
an die prachtvollen romanischen Kron-
leuchter zu Hildes heim (der kleinere

sius ju den Päpsten Silvester und Sixtus III.;
FIod o ar dus in d. Histöria Remensis 111,
5; IV, 13; ferner Kadbertus, De casibus
S. Galli c. 9; Iso magister, De miraculis
S. Galli c. 8: Uda 1 ri cus, Consultus
Clun. 1, II; Petrus Venerabilis, Statut.
Clun. c. 52; Aegydius Aureae Pallis
e. 53; Vita B. Johannis Gorziensis abbatis
c. lö 'JJr. 90, u. n. zusammengestellt bei Migne,
P. gr. 80, 2, 2200. Auch Karl d. Gr. schenkte
im Jahre 800 der Peterskirche einen Kronleuchter,
der der Plünderung durch die Sarazenen (810)
entging und »och im 11. Jahrh. dort hing.
Rossi, Inscr. II, 1, 198.

‘) Vgl. Esfmnn», der ehemal. frühroi». Kron-
leuchter zu Korvey in „Ztschr. s. chriftl. Kunst" 8
(1890), 2\1 ff. ». TopI>ojf, „Organ f. christl.
Kunst» 22 (1872) 192 ff.

2) Agl. Jul. v. Schlosser, Qnellenbnch zur
Kunstgeschichte des Mittelalters, S. 296.

von Bischof Azelin 1041—1054, der
größere von Bischof Hezilo 1054—107!)
gestiftet)?) an den Kronleuchter im Dome
zu Speier?) an das Lichtrad, das
Kaiser Friedrich Barbarossa nach Aachen
schenkte, und das von Meister Wibert
1165 erstellt ward,") nicht zu vergessen
des glänzenden Werkes romanischer Me-
tallknnst, das wir in unserer eigenen
Diözese besitzen in dem großartigen Kron-
leuchter zu Combnrg-Hall, den Abt
Hartwig (etwa 1150) anfertigen ließ?)

Die gotische Zeit brachte nur in der
äußeren, der Architektur entlehnten Form
und in der Symbolik verschiedene Formen
hervor, insofern sie denselben teils als
Biadonnenleuchter, teils als Rosenkranz-
leuchter, teils in anderen Formen als
reine Architektur- oder Armkronei?) kom-
ponierte. Dasselbe gilt von der Zeit der
Herrschaft der nachfolgenden Stile.

Daneben gab es nun aber noch eine
ziemlich große Mannigfaltigkeit künstleri-
scher Standleuchter ans Holz, Messing,
Stein vor den Bildern und Altäre», so-
dann mehrarmige Leuchter, pergulae
(Spaliere), herciae (Eggen), rastellae
(Rechen)?) so zwar, daß es der hl. Bern-
hard, ähnlich wie in der altchristlichen
Zeit Bigilantius, für gut fand, ein
energisches Wort gegen übertriebene,
luxuriöse und nur der schaulustigen
Gafferei dienende Kirchcnbeleuchtnng zu
sprechen: »Ponuntur dehinc in ecclesia
gemmatae, non coronae, sed rotae
circumreptae lampadibus non minus

J) Die gelehrte Aebtissin Herrnd von
Landsporg (J- 1195) widmet einem von dem
lunstsinnigen Bischof Bernward von Hildesheim
(j- 1023) mit eigener Hand für die Michaelskirche
hergestellten Kronleuchter ein eigenes Gedicht.
Derselbe war bis zum 17. Jahrh. erhalten. Am
30. Mai 1662 wurde er vernichtet mit der Be-
gründung: er verdunkle (!) die Kirche, s. Kratz,
der Dom zu Hildesheim. 1810 S. 100 ff.

2) Vgl. Geißel, Der Dom von Speier I, 23.

") Vgl. Bock, Der Kronleuchter des Kaisers
Friedrich Barbarossa im Münster zu Aachen, und
die formverwandten Lichtkronen zu Hildeshcim
und Comburg, 1864.

4) S. Bock, a. «. O.

5) Eine hübsche Uebersicht über die Entwicklung
der stilistischen Formen des Kronleuchters gibt
Brünig im Kunstgewerbeblatt 7 (1896), 97 ff.;
8 (1897), 49 ff.; 9 (1898), 113 ff.

°) Siehe darüber H. Ottc, Handbuch Ist 119;
Laib u. Schwarz, Studien u. s. w. S. 68.
loading ...