Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 65
DOI Heft: 10.11588/diglit.15940.38
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15940.41
DOI Seite: 10.11588/diglit.15940#0072
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1907/0072
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
65

hin, durch neue Hinweise das Bild zu ver-
vollständigen und zu weiterer Forschung
anzuregen. In diesem Sinn mögen die
folgenden Ausführungen ausgenommen
werden.

I. Cluuiacen si sche und Hirsauische
Eins! ü s s e.

1. Alt-St. Moriz in Augsburg.
Die Kirche und das Chorherrenstift St.
Moriz hatten zum Gründer den Bischof
Bruno von Augsburg (ff 1029), durch
den, wie die Augsburger Annalen deut-
lich zu verstehen geben, die cluuiaceusische
Reform im Bistum Augsburg Fuß faßte.
Die Augsburger Tradition läßt überdies den
Bruder des Bischofs, Kaiser Heinrich II., den
Hort der Cluniacenser, mit frommer Spende
den Bau fördern (Wittwer, Catal.
abbatum bei Steichele, Archiv f. d.
Gesch. d. Bist. Augsburg 3, 63). Be-
dürfte es noch eines Beweises, daß Bruno
in seiner Gründung, die er sich auch als
Grabesstätte erkor, mit den Reformbe-
strebungen Ernst machte, so würden mir
ihn in der Verbindung eines Mouasteriums
mit der Kirche finden (Ann. Aug. ad a.
1081), dessen Kreuzgaug erst einer anders
gearteten Reform, der des 16. Jahrhun-
derts, zum Opfer fiel, nachdem sich freilich
das gemeinsame Leben des Klerus am
Mauritiusmünster längst schon aufgelöst
hatte.

Schon 1081 verheerte ein Brand das
neue Münster (Ann. Aug.)- Das Unglück
wird, wie in der erdrückenden Mehrzahl
derartiger Fälle, kaum einen Neubau des
Mauerwerkes und eine Aenderung der
Plandisposition im Gefolge gehabt haben.
Aber nach Verlaus von mehr als zwei
Jahrhunderten nahm man einen Neubau
in Angriff. Es ist urkundlich erweisbar,
daß 15 Bischöfe im Jahre 1295 Ablässe
erteilten für Beihilfe zum Lau der Moriz-
kirche. Der Einsturz der Kirche im Jahre
1299, von dem alte Aufzeichnungen in
einer Handschrift von St. Moriz Meldung
tun (V eith, Biblioth. Aug. II. [1786],
108), wird mit dem Neubau inZusammen-
hang gestanden haben. 1314 fand die
Weihe statt. Indes beschränkte sich die
Erneuerung auf das Langhaus; denn noch
im Jahre 1440 hatte die Kirche, wie ein
Augenzeuge berichtet (Deutsche Städtechron.

XXIl 82,10), einen gar kleinen Chor mit
einer Krypta darunter. An seine Stelle
trat 1442/43 ein gotischer, rveit ins Stra-
ßeubild vorspringender Neubau. Die spä-
teren Veränderungen berührten den Bau
als solchen nicht mehr wesentlich. Die
Umgestaltung in Barock 1717, von dem
Dekan Leop. Jgu. v. Langenmantel durch-
geführt und jüngst durch Stadtpfarrer
Max Haurieder mit feinem Verständnis
erneuert, zielte lediglich darauf ab, die
Kirche, soweit dies ohne Aenderung der
Gruuddisposition und des Mauerwerkes
möglich war, im Geschmack jener Zeit
zu modernisieren.

Der Chorbau von 1442 ging ohne
Zweifel über die alten Grundlagen weit
hinaus. Wie verhielt sich aber der Neu-
bau des Langhauses um 1300 zu seinen:
Vorgänger? Zunächst gibt der Material-
befund hinlänglich sicheren Aufschluß
darüber, daß das ganze Mauerwerk der
Kirche und des Turmes, soweit es über
dem Erdboden steht — die Fundamente
konnte ich nicht untersuchen —, damals
neu aufgeführt wurde; denn als Material
ist nach meiner freilich nicht ganz er-
schöpfenden Beobachtung Backstein ver-
wendet, während mau zu Beginn des
11. Jahrhunderts in Augsburg die Mo-
numentalbauten aus Tuff und Nagelfluh,
wie er sich in der Wertach vorfand, er-
stellte. Aber die Grunddisposition des
Neubaues scheint die der ursprünglichen
Kirche zu sein. Denn eine Turmstellung
wie hier wäre für die Zeit um 1300 ein
merkwürdiger Anachronismus; dagegen
fügt sie sich den Augsburger Baugewohn-
heiten, wie sie zu Beginn des 11. Jahr-
hunderts herrschten, trefflich ein. Der
Turm ist hinsichtlich seiner Stellung und
seiner Angliederung an das Kirchengebäude
genau so behandelt, wie die Türme des
Augsburger Domes (Neubau um das
Jahr 1000) oder genauer wie der Süd-
turm des Domes. Er hat seine Stelle
am südlichen Seitenschiff, und zwar so,
daß er sich nur mit einer Seite (der Nord-
seite) an das südliche Seitenschiff anlehnt,
unmittelbar bevor dieses sein östliches Ende
erreicht (mau vergleiche dazu den Grund-
riß der romanischen Domanlage in meinem
Schriftchen: Die Domkirche zu Augsburg,
1900, S. 5). Für die Beibehaltung
loading ...