Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 66
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der ursprünglichen Plandisposition spricht
namentlich auch der Umstand, daß man
nach dem Neubau des Langhauses zu-
nächst und 130 Jahre laug kein dringen-
des Bedürfnis empfand, den Chor eben-
falls neu zu bauen; er muß demnach mit
dem neuen Langhaus in Harmonie ge-
standen haben. Wenn man 1442 gleich-
wohl zum Neubau des Chores schritt, so
geschah dies wohl in erster Linie, um ent-
sprechenden Raum für die Chorgeistlichkeit
zu gewinnen; denn zwischen 1310 und
1442 hatte sich die Zahl der Priesterstellen
um 16, d. h. um 133 Prozent (von 12
auf 28) vermehrt. —

Nangeschichte und Vauanalyse lassen
uns zwar nicht zahlreiche und sehr augen-
fällige Hinweise auf cluniacensische Beein-
flussung erwarten, sie geben uns aber ein
Anrecht, auch schwache Spuren der Art als
richtige Fährte zu verfolgen. Und da ist
nun die echt cluniacensische und in der
kirchlichen Baukunst Augsburgs einzig da-
stehende Eigenart beachtenswert, daß man
in das Langhaus der Kirche beim Hanpt-
eiugange auf einer Anzahl Stufen (sechs)
hinabsteigt. Aber auch die Gestaltung der
Chorpartie ist merkwürdig und charak-
teristisch genug. Ein Chorquadrat mit
Krypta darunter scheint von Anfang an
vorhanden gewesen zu sein; aber es ragte
nicht, wie es sonst Gepflogenheit der
schwäbischen Bauzone war, mit seinen drei
Abschlußmauern frei vor, sondern hatte
links und rechts die Fortsetzung der Seiten-
schiffe zu Begleitrüumen, die heute im
Norden die Sakristei, im Süden einen
Zugang und eine Kapelle umschließen.
Das Langhaus ist ferner, wiederum im
Gegensatz zu der landesüblichen Bauweise,
in strengem Verhältnis geteilt, indem den
Seitenschiffen genau die halbe Breite des
Mittelschiffes zngewiesen ist. Endlich legte
sich der westlichen Schmalseite in ihrer
ganzen Breite und darüber hinaus eine
Vorhalle mit Pultdach vor, ähnlich wie
ein Atriurnsflügel, aber spätestens schon
im 16. Jahrhundert zu Verkaufsläden umge-
baut ; ja es scheint — auch die Konfiguration
des „Morizplatzes" kommt bestätigend der
Vermutung enlgegen —, daß sich an dieser
Stelle, also westlich vor der Kirche, so wie
in Clnni, ein ans allen Seiten von nie-
drigen Hallen eingeschlossener Vorhof ans-

dehnte, dessen Nord- und Westflügel längst
dem Verkehr zum Opfer gefallen, sind,
während der Ost- und Südflügel noch aus
einer Abbildung von 1680 (P. Dirr,
Aus Augsburgs Vergangenheit, 1906,
S. 37) erkennbar sind, wie ja heute noch
ein ganz niedriges, langgestrecktes Wohn-
gebäude die Südseite des Platzes abschließt.
Das Kloster mit dem Kreuzgang legte, sich,
wie auch in Clnni, nördlich der Kirche vor.
Anderes freilich ist wieder echt süddeutsch-
ungezwungen, wich die Turmstellnng und der
Mangel eines Querschiffes; die clunia-
censische Bauschule gestattete eben den
landschaftlichen Baugewohnheiten weit-
gehenden Einfluß. Das ist hier umso
begreiflicher, als es sich nicht um eine
großartige Anlage handelte, sondern um
eine Aufgabe, die sicher mit einheimischen
Kräften zu lösen war. Immerhin ist der
Bau als eines der frühesten Beispiele
cluniacensischer Einwirkung stilgeschichtlich
sehr merkwürdig.

2. Hirsauische Eigenart weisen
die Klosterkirchen von Elchingen bei Ulm
und Deggingen im Nies auf. Für
beide Klöster ist die Verbindung mit
Hirsau durch das Verzeichnis der ans
diesenl Nesormkloster nach auswärts be-
rufenen Aebte (MGH. SS. XIV, 264)
bezeugt. In Deggingen knüpfte sich
die Reform an den Namen Marqnards,
der 1138 nicht direkt aus Hirsau, sondern
aus dem von Hirsanern neu belebten
Kloster St. Michael in Bamberg durch
Bischof Otto den Heiligen dorthin gesandt
wurde und dem Kloster bis 1168 Vorstand.
Er begann 1161 den Neubau des Münsters
zum hl. Martin; Altarweihen fanden
1187 und 1192 statt. Die Kirche erhebt
sich, wie St. Peter in Hirsau, im Norden
der Klosteranlage und hatte nach dem
gleichen Vorbild zwei Westtürme; die Chor-
partie wurde in der spätgotischen Periode
gänzlich verändert, das dre ischisfige, basili-
kale Langhaus, das schon durch einen
Brand im Jahre 1513 schwer gelitten
hatte, erhielt um die Mitte des 18. Jahr-
hunderts eine Dekoration in den Formen
des Rokoko, bewahrte sich aber trotzdem
den romanischen Charakter der Erbaunngs-
zeit (vgl. S t e i ch e l e. Das Bistum Augs-
burg III, 633 f., 651).
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