Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 73
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3. Auch die Grundrißdispositiou der
Prämonstratenserkirche in Ursberg bei
Krnmbach, im Herzen Schwabens, einer
dreischiffigen, querhauslosen Pfeilerbasilika,
mutet sehr altertümlich an. Die drei
Schiffe, das Mittelschiff fast genau doppelt
so breit als ein Seitenschiff, erstrecken sich
bei einer Gesamtbreite von Iß1/» m in
die respektable Länge von 41 m, durch
schlicht rechteckige, im 17. Jahrhundert
mit Stuck überzogene Pfeiler in acht Joche
zerlegt, die im Mittelschiff queroblongen,
in den Seitenschiffen axenoblongen Grund-
riß haben. Nach Osten endigen die drei
Schiffe in der gleichen Fluchtlinie, über
die drei polpgone, dreiseitige Apsiden
hinaustreten. Der Chorraum beginnt
schon in der Hälfte des Mittelschiffes
beim fünften Joch (von Westen ans); von
da ab bis zum östlichen Ende sind die
Seitenschiffe durch Mauern, die bis zum
Gewölbe reichen, vom Hauptschiff abge-
sondert, so daß sie schmale, langgestreckte
Nebenchöre bilden. Der Westseite legt
sich eine zweigeschossige Vorhalle vor,
breiter als das Mittelschiff, jedoch schmäler
als die Gesamtbreite, ganz wie dazu be-
stimmt, von zwei Türmen flankiert zu
werden; jedoch nur im Norden erhebt
sich ein das Bauwerk aus dem Gleich-
gewicht bringender Einzelturm. Die sehr
interessante Frage, ob die durch Langseits-
emporen bewirkte doppelgeschoßige Anlage
der Seitenschiffe ans den romanischen Bau
znrückgeht und etwa gar in Verbindung
steht mit Wölbungsversuchen, wage ich
nicht zu entscheiden; eine eingehende Unter-
suchung des Baumaterials dürfte hier
wohl zu einem bestimmten Ergebnis führen.

Die Prämonstratenser haben keinen
eigenen Baulypus ansgebildet; es ist zu-
dem fraglich, ob sie in Ursberg Gelegen-
heit gesunden hätten, nach eigenen Normen
zu bauen. Denn ihre Niederlassung trat
i. I. 1130 an die Stelle einer älteren
Kongregation von Weltpriestern, die hier
an der Kirche der hl. Maria ein kanoni-
sches Leben geführt (vgl. Mon. Boica
33», 7, Urk. von 1067) und in engem
Verband mit der Mutterkirche des Bis-
tums in Augsburg gestanden hatten, wie
ja auch, wenn schon für die Kirche und
das Kloster fortan die bei den Prämon-
stratensern als vorbildlich verehrten Apostel ;

Petrus und Johannes die Patrone waren,
doch die seligste Jungfrau, die Patronin
der Domkirche, noch bei der Konsekration
vom Jahre 1670 als erste Patronin des
Hanptaltares genannt wird. Die Urs-
berger Marienkirche wurde also im 11. Jahr-
hundert von einer Kongregation gemeinsam
lebender Weltpriester versehen, die sich
von dem Konvent der Domkanoniker zu
jener Zeit abgezweigt hatte, als das kano-
nische Leben beim Domklerus in Blüte
stand und der Ruf guter Disziplin und
wissenschaftlichen Strebens ihm reichlichen
Nachwuchs znsührte. Mit Einem Wort, es
besteht ein Zusammenhang zwischen der
clnniacensischen Reform und der Grün-
dung der Marienkongregation in Ursberg.
Und vielleicht auch zwischen dein clunia-
censischen Bautppus und der UrSberger
Kirche. Ihre Anlage steht mit den laiid-
schaftlichen Baugewohnheiten Schwabens
ebenso sehr in Widerspruch, als sie sich
dem Cluniacenserprogramm in der Ver-
längerung der Seitenschiffe zu Nebenchören,
in der westlichen Turmanlage und in der
Errichtung einer westlichen Vorhalle nähert.

Die Bannachrichten sind für die ältere
Zeit sehr summarisch. Zwei Klosterbrände
werden erwähnt, der eine 1142, der
andere 1224; ob und wie weil sie auch
die Kirche schädigten, erfahren wir nicht.
1414—1465 erstand der Turm aufs
neue, der 1622 seinen Achteckaufbau mit
Kuppelabschluß erhielt. In der gotischen
Zeit wurden die Apsiden Polygon nmge-
staltet. Daß der Brandschaden, den das
Kloster im Bauernkrieg erlitt, die Kirche
nicht gänzlich zerstörte, ist gewiß; es bleibt
fraglich, ob die Kirche davon überhaupt
betroffen wurde. Schlimmer hausten die
Schweden, die 1632 Kloster und Kirche
in Brand steckten; aber auch diesmal
blieben alle Hauptmauern unversehrt.
Von Interesse ist ferner die Nachricht, daß
infolge dieser Verwüstung die Gewölbe
der Kirche einstürzten. Die 1663 — 60
ausgesührten Reparaturen betrafen außer
der Einrichtung vornehmlich die Herstel-
lung neuer Gewölbe, woraus 1776 als
letztes Vermächtnis der Prämonstratenser
die Ausschmückung durch Fresken folgte.

(Fortsetzung folgt.)
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