Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 74
DOI Heft: 10.11588/diglit.15940.46
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15940.49
DOI Seite: 10.11588/diglit.15940#0081
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1907/0081
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
74

Der Umbau der Dreifaltigkeitskirche in
Ludwiqsburg.

I.

G c s ch i ch t e der alten Garnison-, n u n -
in e h r i g e n katholischen S t a d t Pfarr-
kirche in Ludwigsburg.

Bon Archivrat Or. Giesel und Stadt- und
Garnisonpfarrer H o f in a n n in Ludwigsburg.

Bis zum Jahre 1737 wurde in Ludwigsbnrg
kein eigener Militärgottesdienst abgehalten. Die
Stadtgeistlichen versahen die Seelsorge auch bei
den znin Militär gehörigen Personen. Im ge-
nannten Jahre wurde auf Antrag des hiesigen
Spezials Stahlecker der bisherige Feldprediger
bei dein Fuggerschen Kreisregiment zu Pferd,
Magister Immanuel Friedrich Jenisch aus Bracken-
heim, als erster Gärnisonprediger angcstellt. Der
Gottesdienst wurde aus Mangel eines schicklichen
Ortes bis zum Jahre 1740 in der Stadtkirche
abgehalten, „und zwar so, daß der Garnison-
prediger keine besonderen Gottesdienste für das
Militär zu halten, sondern die Stadtgeistlichen
im Predigen und bei Kommunionen zu unter-
stützen hatte, hingegen die Beicht bei den Sol-
daten allein halten und auch die Besuchung der
Kranken in der Kaserne allein übernehmen mußte".

Im Jahre 1740 wurde in der unteren (Loch-)
Kaserne ein Betsaal für die Militärgemeinde ein-
gerichtet, in welchem bis znin Jahre 1750 Gottes-
dienst gehalten wurde. Um diese Zeit wurde
die genannte Kaserne baufällig, weshalb einst-
weilen bis zu einem Neubau der militärische
Gottesdienst durch den Gärnisonprediger in der
Stadtkirche, und zwar eine Stunde vor dem
Gottesdienst der Pfarrgemeinde gehalten wurde.
Im Jahre 1700 wurde die hiesige Garnison ver-
stärkt, weshalb dem Diakonus Hermann, der für
den im Felde abwesenden Garnisonprediger Oln-
hausen den Militärgottesdienst abhielt, ein Vikar
bestellt wurde, da er noch außerdem für die 60
Mömpelgarder alle Sonn- und Feiertags Gottes-
dienst in französischer Sprache zu halten hatte.

Da diese Einrichtung zu mancherlei Unannehm-
lichkeiten und Reibungen Veranlassung gab, so
wurde schon damals die Errichtung einer eigenen
Garnisonkirche geplant und zu diesem Zweck eine
Kollekte durch das ganze Land veranstaltet. Bis
zur Verwirklichung des Planes sollten nochmals
30 Jahre vergehen. Am 4. Oktober 1781 wurde
in Anwesenheit des Herzogs Karl der erste mili-
tärische Gottesdienst in der ursprünglich für die
hiesige reformierte Gemeinde erbauten Kirche
gegenüber der Stadtkirche abgehalten. Diese so-
genannte reformierte Kirche, in welcher aber nicht
ein cinzigcsinal reformierter Gottesdienst gehalten
wurde — sie blieb bis 1781 von außen unvollendet
und diente längere Zeit der Stadt zu einem
Behältnis der Antiken und als Holz- und Bretter-
magazin —, hat folgende Geschichte. 1720 baten
die Reformierten in Stuttgart den Herzog Eber-
hard Ludwig, eine Kirche bauen zu dürfen. Dar-
auf erfolgte am 24. Februar die Antwort:
„Wenn die Supplikanten sich in Ludwigsburg
etablieren und daselbst zu Exerzierung ihres
Gottesdienstes eine Kirche erbauen wollten, so
würde der Herzog ihnen hierin gratifizieren."
Eine kräftige Stütze hatte das Unternehmen an

der dem reformierten Glaubensbekenntnis an-
gehörigen Erbprinzessin Henriette Marie, Tochter
des Markgrafen Philipp Wilhelm von Branden-
burg-Schwedt und Gemahlin des 1731 ver-
storbenen württembergischen Erbprinzen Friedrich
Ludwig. Als Kollekteure für den Kirchenbau
lernen wir den aus dem Kanton Bern gebür-
tigen Lupichius, Hofprediger der genannten Prin-
zessin, und ihren Rat Fränzke kennen. Beide
hatten sich, ohne Rechnung abzulegen oder die
gesammelten Gelder ordnungsmäßig an die Be-
hörde abzuliefern, aus dem Lande entfernt.
1724 wurde nach dem Plan des Oberbaudirektors
Retti zu bauen angefangen. Für die neue Kirche
waren zwei Türme, welche die der Stadtkirche
überragen sollten, und eine große Sakristei be-
stimmt. Mangel an Geld bewirkte, daß man
von den zwei Türmen ganz abging und den
Ban überhaupt bis 1731 einstellte. Iletti wuide
mit einer Summe von 1000 fl. und einer Me-
daille im Werte von 25 Dukaten für seine Frau
abgesunden. Aufs neue wurde wieder eine
Kollekte im Lande veranstaltet und der fran-
zösische Prediger in Stuttgart, La Combe, zum
Kollektieren an den Rhein, nach Holland und
Sachsen geschickt. Als wieder Geld beisammen
war, wurde mit dem Ludwigsburger Kreisbau-
meister Johann Leonhard Frey am 23. Februar
1732 ein neuer Accord auf 7400 fl. abgeschlossen.
Mit dem am 31. Oktober 1733 erfolgten Tod
des Herzogs Eberhard Ludwig und der Wiedcr-
verlegung der Residenz von Ludwigsburg nach
Stuttgart hörte das Kirchenbauwesen ganz auf.
Ilm 7. Juni 1738 wurde den wenigen hiesigen
Reformierten mitgeteilt, die Kirche sei für die
kleine Gemeinde viel zu groß. Sie hätten nicht
das zum Ausbau derselben nötige Geld. Auch
könnten sie Pfarrer, Schulmeister und Mesner
nicht unterhalten. Sie sollten sich daher mit
einem herrschaftlichen Haus zu ihrem Gottesdienst
begnügen. Im Jahre 1740 schien man auf re-
formierter Seite mit der Uebernahme der Kirche
Ernst zu machen.

Der reformierte Prediger Morf von Stuttgart
zeigte dem hiesigen Vogt au, er wolle nächstens
die Einweihungspredigt halten. Aber auch diesmal
wurde aus der Sache nichts. Das Vorhaben,
die Kirche schon damals in eine evangelische
Garnisonkirche umzuwandeln, wurde durch ein
Schreiben der in Köpenik residierenden Erbprin-
zessin Henriette Maria au den König von Preußen
vereitelt. Im Jahr 1747 ineldete der Vogt „den
baulosen Zustand der Kirche und den zu besorgen-
den Einsturz des Turmes". Die unvollendete
Kirche war durch Wind und Wetter in kurzer
Zeit äußerst schadhaft geworden. Illle Augenblicke
fürchtete man den gänzlichen Einfall des Dach-
stuhles. Die Straße und der Platz um die Kirche
herum konnten von den Leuten nicht mehr sicher
passiert werden. Hievon machte der Geh. Rat
der kleinen reformierten Gemeinde Anzeige.
Werde die Kirche jetzt nicht repariert, so lasse
der Herzog dieselbe wieder gänzlich eingehen.
Iluch der Erbprinzessin wurde mitgeteilt, zur Zeit
seien wenige oder gar keine Reformierte mehr
in Ludwigsburg, weshalb wohl kaum jemals in
dieser Kirche reformierter Gottesdienst werde
gehalten werden. Die Sache müsse als eine
loading ...