Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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res derelicta angesehen werde». Noch einmal,
mit 31. Januar 1752, baten die Reformierte»,
man möge ihnen die Kirche überlassen, sie wollen
alle Schulden übernehmen. Inzwischen aber hatte
sich die Lage wesentlich verändert. Die Stadt
Ludwigsburg wurde in diesem Jahre dem Lande
wirklich einverleibt. Damit hörte für die Re-
formierten das Privileg des öffentlichen Gottes-
dienstes (z. B. mit Glockengelänte), dessen sich
nur Angehörige des Augsburger Bekenntnisses
zu erfreuen hatten, auf. Es waren hier damals
noch 21 Reformierte, denen mau für ihre gottes-
dienstlichen Zwecke ein Privathaus und dazu noch
1000 Reichstaler aubot. Dieselben gingen aber
auf das Angebot nicht ein, schlugen vielmehr vor,
sie wollten den Lutheranern den gemeinschaftlichen
Gebrauch der Kirche gestatten, wenn diese die auf
ihr haftenden Schulden bezahlen, die Reparation
und Instandhaltung übernehmen und einen Fonds
für einen reformierten Pfarrer answerfen wollten.
Außerdem müsse die Kirche Eigentum der Refor-
mierten verbleiben und den Namen „Reformierte
Kirche" beibehalten. Damals wurde der Turm
wegen Baufälligkeit abgehoben. Am 15.März 1755
traf ein Schreiben des Königs von Preußen ein,
welches der Geh. Rat in dem Sinne beantwortete,
das; man den Reformierten bei Einrichtung eines
Privat-Gottesdienstes alle mögliche Konvenienz
verschaffen werde. Zum letzten Male iviederholten
die Reformierten, und zwar nicht nur die von
Lndwigsburg, sondern auch die von Stuttgart
und Cannstatt, im Jahre 1773 das Gesuch, ihnen
die Kirche gegen Uebernahme der darauf haften-
den Schulden einzuräumen.

Im Frühjahr 1761 befahl Herzog Karl, die
Kirche zu einer Garnisonkirche einzurichten. Land-
oberbauinspektor Groß hatte zwei Risse mit einem
Bannberschlag von 5921 fl. 54 Kr. vorgelegt.
Die hiesigen Zimmerobermeister Seyfang und
Bernauer erhielten die Zimmerarbeit. Die Meister
Haas, Bögler rtnd Bahnhard übernahmen die
Maurer-, Steinhauer- und Gipser-Arbeiten. Sie
wollten den Plafond mit einer Rosette und
einer bildlichen Darstellung ans der Offenbarung
Johannis verzieren. Die äußere „Ausbesserung
und Anstreichüng der Kirche" ließ man noch einige
Zeit nnstehen. Der Ersparnis halber wurde die
alte Hofkapellorgel in der neuen Garnisonkirche
aufgestellt.

So kam der 4. Oktober, der Einweihungstag,
heran. Unter Pattken- und Trompetenschall zog
Herzog Karl mit dem ganzen Hof in die Kirche
ein. lieber dem Eingang erhielt die Kirche die

Inschrift: Oeo heroum, deo exercituum hoc
tenoplum consecravit Carolus MDCCLXXXI.

Unterm 26. März 1785 wurde den Reformierten
in Ludivigsburg der ungehinderte Privatgottes-
dienst wie der reformierten Gemeinde zu Stuttgart
gestattet. Der Herzog überließ ihnen das an den
Gasthof „zum Waldhorn" stoßende herrschaftliche
Hans zu ihrem Gottesdienst. Außerdem erhielten
sie noch eine Entschädigungssumme von 8000 fl.
An jedem ersten Sonntag im Monat hielt der
reformierte Prediger von Cannstatt Gottesdienst.
Die Garnisonkirche ivar von 1781 bis 1804 der
evangelischen Militärgemeinde allein eingeräumt.
Im Jahre 1805 ivurde dieselbe auch für den
Gottesdienst der hiesigen Katholiken bestimmt.

Diesen war die ihnen seit 25 Jahren zum katho-
lischen Gottesdienste eingeräumte Schloßkapelle im
Jahre 1798 entzogen worden und ihnen dafür ein
Saal in der Kanzleikaserne (Kasernenkirchlein im
Ringhof) angewiesen. Dieses „Kirchlein" war
räumlich sehr beschränkt und für gottesdienstliche
Zwecke unwürdig, so daß Kurfürst Friedrich 1804
bei einem Besuche desselben es mit einem Hunde-
stall verglich und ein Dekret erließ, laut dessen
die evangelische Garnisonkirche als Simultankirche
den Katholiken gleichfalls zur Benützung übergeben
werden solle, worauf an Petri und Pauli 1805
der erste katholische Gottesdienst hier gehalten
werden sollte. Da aber zur Zeit der Befreiungs-
kriege die große evangelische und katholische Garnison
von Lndwigsburg — Ulm kam erst 1810 an Würt-
temberg — beinahe beständig ausmarschiert war
und die Zahl der übrigen Katholiken sehr zusammen-
geschmolzen war, so schob sich die Eröffnung des
katholischen Gottesdienstes in der evangelischen
Garnisonkirche bis in das Jahr 1810 hinaus.

Es mußte damals für die Katholiken ein eigener
Altar und Taufstein errichtet, für Platz zu Beicht-
stühlen gesorgt und eine eigene, wohlverschlossene,
geräumige Sakristei gebaut, auch mit den Kirchen-
stühlen eine Veränderung vorgenommen werden,
wodurch sehr viel Platz verloren ging. Damals
kamen auch zwei Glocken auf den Turm.

Weiter wurde verordnet, daß Sonntag morgens
8 Uhr eine Messe gelesen, sodann der evangelische
Gottesdienst von 9 bis 10h» Uhr gehalten, die
übrigen Vormittagsstunden aber den Katholiken
zu einer Predigt und zweiten Messe, wenn solche
von nöten sei, überlassen werden solle». Nach-
mittags soll der evangelische Gottesdienst von
1 bis 2 Uhr gehalten werden und dann die
katholische Vesper-Andacht beginnen. Diese
zwischen der protestantischen Militärgemeinde und
den hiesigen Katholiken gemeinsame Benützung
der Kirche dauerte bis zum Jahre 1829. Aii,
11. Oktober dieses Jahres wurde den Katholiken
vermöge höchster Entschließung die, wie oben ge-
sagt ist, schon früher zum katholischen Gottesdienst
benutzte Schloßkirche als Pfarrkirche eingeräuiut.

Wenn diese Verwilligung ausdrücklich als
widerruflich erteilt wurde, so wurde doch von
dieser Zeit ab der regelmäßige katholische Gottes-
dienst in der Schloßkapelle durch die jeweilige
Pfarrgeistlichkeit abgehalten und zwar für Zivil
itnd Militär gemeinsam. Die Bevölkerung mehrte
sich von Jahr zu Jahr. Int Jahre 1829 waren
in Lndwigsburg, Zivil und Militär zusammen,
653 Katholiken, int Jahre 1900 waren es 2303
und bei der letzten Volkszählung (1905) waren
es in Lndwigsburg allein 2767; dazu kommen
noch etiva 400 Seelen, die in den 25 Filialen
zerstreut sind. Es zählen also heute zur Pfarrei
rund 3 200 Katholiken.

Man darf sich darum nicht wundern, wenn sich
in der Gemeinde seit Jahren der Wunsch nach
einem größeren Gotteshaus regte. Außerdem ist
die Schloßtäpelle an der Peripherie der Stadt
gelegen, kalt rtnd ungesund und unpraktisch an-
gelegt, indem ein Drittel der Kirchenbesucher sich
gegenüber steht und nicht an den Altar sieht.
Da die „Fttrstengruft" sich unmittelbar unter
der Kapelle befindet, so kam die Gemeinde bei
fürstlichen Beisetzungen wiederholt in Verlegen-
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