Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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Cepla. Die größer gezeichneten Buchstaben
ergeben die Jahreszahl 1762. In der
Kartusche unter dem Bild steht geschrieben:
Leatarn me dicent ornnes gencrationes.
Die Franziskaner waren besondere Ver-
teidiger der Lehre von der unbefleckten
Empfängnis. Um dieses Bild gruppieren
sich in den drei anderen Gewölbezwickeln
die Darstellungen der drei göttlichen Tugen-
den: auf der Epistelseite die Fides, eine
Frau in blauem Gewand mit gelbem
Mantel, das Haupt über die Stirn herein
verhüllt, über dem Haupt eine Feuer-
flamme, in der Rechten den Kelch mit der
heiligen Hostie, in der Linken das Kreuz
haltend, eine sehr schöne Figur. Gegen-
über der Immakulata befindet sich die
Spes in hellem, grünlich-grauem Gewand,
in der Rechten den Anker mit vier Wider-
haken, in der Linken einen Oelzweig. Auf
der Evangelienseite sitzt die Charitas, eine
Frau mit üppigen Brüsten, an der linken
Brust ein säugendes Kind, mit der rechten
Hand ein größeres Kind liebend zu sich
heranziehend.

An den Chorwändeu bringen vier große
Fresken Darstellungen aus dem Leben
Mariä. Auf der Evangelienseite zuerst
Geburt Mariens: Anna als Kindbetterin
unterhält sich mit einer ihr zur Seite
sitzenden jugendlichen schönen Frau, mäh-
rend Joachim, ein herrliches Gesicht, von
einer Schriflrolle, in der er gelesen, auf
das Kind Maria hinblickt, welches eine
ältere Matrone eben in eine Wiege beiten
will. Eine Magd kramt in einem mit
Wäsche gefüllten Korb, hinter ihr öffnet
sich die Türe, in welcher eine Frau zu
Besuch erscheint. Im ganzen muß das
einst ein herrliches Bild gewesen sein, jetzt
sind die Farben sehr verblaßt. Es ist
unterzeichnet: Josephus Wannenmacher
de Tomerdingen mvenit et pinxit 1752
die 16. 7bris.

Auf derselben Seite schließt sich an das
Bild: Mariä Verkündigung. Der Engel,
in dessen Linken die Lilie, weist mit der
Rechten Maria, die auf einem sehr hübsch
gearbeiteten Rokokobetstuhl kniet, auf-
wärts, wo das Sinnbild des heiligen Geistes
schwebt. In der linken Ecke schläft eine
Katze in der Nähe eines Nähkorbes.

Auf der Epistelseite unmittelbar am
Altar folgt nun: Mariä Heimsuchung.

Maria und Elisabeth begrüßen sich, wäh-
rend Zacharias in der Nähe steht, alle
Personen in reicher Landschaft. Auch hier
hat sich der Künstler unterzeichnet. Bild
und Schrift sind wegen des ungünstigen
Lichtes kaum zu erkennen.

Den Zyklus schließt die Anbetung der
Hirten vor der Krippe, über derselben
Engel mit Spruchband Gloria in excel-
sis. Auf einem Stein wieder die Unter-
schrift des Meisters.

So hat der Künstler im Chor und
Presbyterium das Lob der Unbefleckten
gesungen, im Schiff redet seine Kunst von
der Verherrlichung des hl. Franziskus in
drei großen Fresken und zwölf Medaillons.

Vom Chorbogen herab grüßen zwei
Wappenbilder, das Gmünder Einhorn und
die gekreuzten Arme im Franziskaner-
wappen. Das erste Deckengemälde schildert
einen Zug aus der Legende des Heiligen:
S. Franziskus fährt ans einem feurigen,
mit drei Rossen (die 3 Orden) bespannten
Wagen gen Himmel. Wenn wir diese Dar-
stellung als einen Zug aus der Legende
bezeichnen, so ist zunächst zu konstatieren,
daß die gebräuchlichen Legenden darüber
nichts berichten. Auch die Ikonographie
von Detzel kennt diesen Zug nicht. Da-
gegen finden sich in den ältesten Lebens-
beschreibungen des hl. Franz Erzählungen
und Wendungen, die Franziskus in P a r a l-
lele stellen zu Elias, der auf einem
feurigen Wagen zum Himmel fuhr.

In der vita II sancti Francisci von Thomas
von Celano p. III cap. 140 (ed. Ammoni,
Roma 1880) findet sich folgende Stelle: Visio
fratris Augustini: »minister fratrum in Terra
Laboris(Äaln6rieii)tunc erat fraterAugustinus,
qui in hora ultima positus, cum diu iam
pridem amisisset loquelam, audientibus qui
astabant, de subito clamavit et dixit: Ex-
pecta me, pater, expecta; ecce iam venio
tecum quaerentibus fratribus et admiranti-
bus multum, cui sic loqueretur, audacter
respondit: norme videtis, inquit, patrem
nostrum Franciscum, qui vadit in
coelum?« cf. IV. Buch bet Könige, Kap. 2,
12, wo Elisüus den, dahinfahrenden Eliaspater
mi, pater mi nachruft. Diese im Jahre 1246
geschriebene Stelle hat Bonaventura, legenda
Sti Francisci, ad Claras Aquas (Quarracchi)
1898 cap. 14, 6 vor sich im Jahre 1261, wenn
er schreibt: minister quidam Fratrum in Terra
Laboris tune erat frater Augustinus . . .
qui in hora ultima positus, cum diu iam
pridem amisisset loquelam, audientibus qui
adstabant subito clamavit et dixit: Exspecta
me, Pater, exspecta, ecce iam venio tecum.
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