Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 92
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geometrisches Ziermotiv verschönter und
belebter Zylinder, der durch einen K »aus
unterbrochen wird. Dieser letztere bat
teils eine praktische, teils eine ästhetische
Bedeutung. Seine praktische Bedeutung
liegt darin, eine Handhabe zum leichten
Anfassen zu bilden: seine ästhetische: dem
Schaft angemessene Abwechslung zu ver-
leihen und einen Uebergang herzustellen
zwischen dem breit ausladenden Fuß und
dein oberen Leuchtertetler. Eine gewisse
Steigerung in der Silhouette und zugleich
eine größere Gefälligkeit wird dadurch er-
zielt, daß er nicht gerade in der Mitte
des Schaftes, sondern etwas weiter unten
(etwa in den Verhältnissen des goldenen
Schnittes) angebracht wird.

Der Schaft mundet direkt oder ver-
mittelt durch ein Uebergangsglied in den
L e u ch t e r t e l l e r oder die S ch a l e über.
Diese nimmt ebenfalls je nach dem Grund-
motiv der dekorativen Behandlung ver-
schiedene Formen an, die wir hier nicht
weiter behandeln wollen.

Was den uns vorliegenden Altarleuch-
ter offenkundig auszeichnet, ist das kraft-
volle ebenmäßig schöne Vormalten des
Konstruktiven xuib seiner Harmonie. Eine
ganz besondere Sorgfalt und langes Nach-
denken ist vom Künstler der Behandlung
des Fnßstückes gewidniet worden. Der Be-

schauer wird sich zunächst von dem Grunde
der so günstig wirkenden Harmonie in
den Verhältnissen keine bestimmte Rechen-
schaft zu geben vermögen: er wird sie
wohl unmittelbar spüren und sie genießen,
weil eben Harmonie der Zahlenverhältnisse
und Proportion ein konstitutives formales
Element der Schönheit ist, aber er wird
sie nicht sofort ableiten können. Ja, wenn
er die Linie, welche durch die Füße und
den unteren Rand des Fußstücks gebildet
wild, für sich allein nimmt, möchte er
wohl zuerst meinen, ein nach höchst mo-
dernen Prinzipien geschaffenes Stück vor
sich zu haben. Der ganze Aufbau ist
streng geometrisch berechnet. Der Fuß
und seine Silhouette sind aus Kreis-
segmenten, die in bestimmten Zahlenver-
hültnissen zu einander stehen, konstruiert.
Die drei Füßchen selbst kommen, wenn sie
verlängert werden, in dem Punkt der Achse
zusammen, welcher das Doppelte der Höhe
des Leuchters bezeichnet.

Der Leuchter ist absichtlich in Bronze
belassen, nicht vergoldet. Er darf und
soll mit der Zeit eine Patina annehmen.
Diese soll dann die angewandte Email-
Dekoration wirksam unterstützen. Sie
ist einfach und doch sehr wirkungsvoll! Der
Fuß ist wie der Knauf und der Teller in
Email ausgesührt. Grün, tiefes und Helles
Blau wechseln mit einander und spielen in
einander. Die Dekorationsformen sind rein
geometrisch: die Motive altchristlicher Kunst:
Kreislinien, zwischen ihnen Wellenlinien,
Voluten und oben am Teller Strahlen,
am Knauf Kreisverzierungen, am Schaft
Rhomboide, aufs Eck gestellt. Das ist
alles. Und doch wie ungemein gefällig,
wie selbstverständlich wirkt das zusammen!
Es ist eine sichtbar gewordene Zahlen-
harmonie, der Avel der Schönheit, ver-
bunden mit höchster Anspruchslosigkeit und
Bescheidenheit, die auf alles Prunkvolle oder-
unwahre Scheinwesen verzichtet. Der Geist
und die Zucht der Kunst Beurons iveht uns
hier entgegen. In eine romanische Kirche
wüßte ich nicht leicht etwas Schöneres.

Wir sehen, mau ist in der Lage, auch auf
diesem Gebiete die wertlose und geistlose
Fabrikware durch Schönes und Wertvolles
zu ersetzen, aus welchem das Walten
künstlerischen Geistes erkennbar ist.

Prof. Dr. Ludwig Baur.
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