Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

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stattungsstücke enthält. Hier nehmen die
beiden in der Mitte der Vorderseite hän-
genden Kasein unfern Blick zuerst ge-
fangen. Die eine, aus Schussenried stam-
mend, zeigt auf weißem Damastgrunde
in den verschiedensten Arten von Gold-
gespinsten gestickt ein überaus prächtig
wirkendes reiches Mnschelmuster als Stab;
die Seitenteile dagegen zieren in farben-
frischer Seide gestickte aufgesprungene Gra-
natäpfel. Das Ganze ist ein Meisterwerk
aus der Blütezeit des Rokokostils. Das
danebenhängende Meßgewand aus Waldsee
dagegen ist. eine Uebertragung der in
schwerem Gold- und Silberrelief gestickten
Formen des frühen Barocks auf neuen
weißen Atlas. Wenige farbige in Seide
gestickte Blumen tragen auch hier zur
größeren Belebung bei. Rechts davon
hängt ein Meßgewand aus Ochsenhausen
mit der streng gezeichneten Ranke aus
Akanthus, Lorbeer und Blumensträußen
des klassizistischen Stils. Sie ist plastisch
in Gold auf mit roten Samttupfeu be-
streuten Goldbrokat meisterhaft gestickt.
Den hochroten Samt der Seitenteile be-
leben goldene aufgesetzte Sternchen. Zur
Linken dieser drei Gewänder ruft die
feine Nadelmalerei des mit vier Heiligen-
darstellungen bestickten Stabes einer Tann-
heimer Kasel nufere Bewunderung hervor.
In den außerordentlich fein gezeichneten
Figuren der sel. Jungfrau Maria, des Evan-
gelisten Johannes, der hl. Katharina und
des Apostels Paulus kommt der Charakter
des 15. Jahrhunderts deutlich und fein
zum Ausdruck. Auf der Rückseite des
Schrankes erfreuen uns zwei Meßgewänder
aus Weingarten und Schussenried mit
gleichartiger Anordnung von durchbrochen
gestickten Goldborten mit Netzfüllungen
auf rotbraunem Samt. Beide dürften
um das Jahr 1780 entstanden sein. Die
zwischen diesen beiden hängenden zwei
Meßgewänder, von denen das eine eben-
falls aus Schussenried, das andere aber
aus Baindt stammt, lassen erkennen, welch
entzückende Wirkungen man um die Dritte
des 18. Jahrhunderts mit dem farben-
prächtigen Seidenmaterial in der Stick-
kunst zu erzielen verstand. Eine ganz
andere, aber ebenfalls sehr schöne Wirkung
wurde bei dem Meßgewand aus Baindt
mit der fein abgewogenen wechselnden

Verteilung von Gold und Silber auf hell-
rotem Seidenmoire erzielt.

Den zweiten Schrank ziert ein kostbarer
vollständiger Ornat aus Ochsenhausen, der
der Mitte des 18. Jahrhunderts ange-
hört und mit verschiedenartigen Goldfäden
in üppiger Weise, aber geschickt, bestickt
ist. Den Grund aus weißem Seiden-
damast bedecken kleine silberne Blümchen.
An der fensterlosen Langseite des Saales
sind als belebender Fries zwischen zwei
Reihen von Meßgewändern drei Aute-
pendien angebracht. Das erste ist eine
Uebertragung aus Jsny, die in einer
Mittelkartusche einen Pelikan in Land-
schaft zeigt, das zweite und dritte stammen
aus Baindt. Beim letzteren, einer Arbeit
aus der Zeit nur 1700, ist die Ver-
wendung und Verteilung der verschiedenen
Motive eine besonders geschickte zu nennen:
Blumen und Weintrauben in Seide und
dazwischen glitzernde Silberranken auf
einem matten, weißlich-gelben Seiden-
moire; in der Mitte das Opferlamm.
Von den an dieser Seite hängenden zehn
Meßgewändern seien nur einige hervor-
gehoben. Schön ist vor allem dasjenige
aus Kißlegg mit blauem Seidendamast als
Untergrund für die Gold- und Silber-
stickerei des Stabes und dem blauen
Silberbrokat der Seitenteile. Nicht minder
reizvoll in der Wahl der Stoffe ist das
Meßgewand aus Weingarten mit dem
Goldbrokatgewebe auf grünem Seiden-
damastgrunde, dessen kühne Zweige und
Bänder orientalisierender Art sind. Zwei
Meßgewänder aus nahezu gleicher Zeit,
wenn auch verschieden im Dessin, sind
dasjenige mit dem großzügigen Granat-
apfelmotiv in Samtbrokat aus den Samm-
lungen des König!, würlt. Landesgewerbe-
museums und das rotbraune Samt-Meß-
gewand ans Weingarten. Die Stoffe
beider sind italienischer Herkunft und kenn-
zeichnen die Musterung der Renaissancezeit.

Schließlich wenden wir uns noch der
hinteren Schmalwand des Saales zu, von
der das leuchtende Gold zweier ge-
stickter Rauchmäntel aus hochrotem Samt
herniederstrahlt. Die reich verschlungenen
Linien- und Rankenornamente lassen da-
rauf schließen, daß sie in der Zeit um
1700 entstanden sind. Der eine von
ihnen stammt aus Schussenried, der andere
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