Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 25.1907

Seite: 110
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die mit dem Kirchenjahre wechseln, iveil
sie geeignet sind, die Festesgeheininisse des
Kirchenjahres 511 veranschaulichen und das
Gemüt zu ergreifen. Uns interessiert hier
die zweite Frage: Unter welchen Bedingun-
gen können wir Krippendarstellungen in die
Kirche hereinnehmen? Welche Grundsätze
sollen hiebei eingehalten werden? Vor wel-
chen Mißgriffen müssen sich Auftraggeber und
Künstler dabei hüten? Wir haben umsomehr
Grund, uns darauf zu besinnen, als in
jüngster Zeit sich die Krippendarstellungen
in der Kirche gemehrt haben, die in ihrer
Art recht viel Schönes bieten, aber ebenso
auch in manchen Dingen als weniger glück-
lich zu betrachten sind, weil sie mehr ein
unsicheres Tasten, Anlehnen, Entlehnen
verraten, als ein ans klar erfaßten Grund-
sätzen erfolgendes freies Entwerfen.

Es ist nicht sehr schwer, eine ganze
Reihe von „du sollst nicht" aufzustellen,
über die man sich ohne erhebliche Schwie-
rigkeiten wird einigen können, die aber
trotzdem nicht selten ganz oder in einzelnen
Punkten unbeachtet bleiben. Wir könnten
etwa sagen: Machet aus dem Gotteshaus
keine Kinderstube und aus dem erhabenen
WeihnachtsmpsteriumkeinePnppengeschichte
und kein Marionettentheater. Laßt von
der Kirchen krippe alle Kindereien weg!
Kindlich und kindisch ist nicht dasselbe:
das Weihnachtsgeheimnis wirkt an sich tief
genug auch auf das Kindergemüt, es braucht
nicht mit kindischen Zutaten ins Lächerliche
gezogen zu werden. Meidet an und in
der Krippe alle Skurrilitäten und Witze,
so wie ihr solche auch in der Weihnachts-
predigt nicht finden wöget und im Weih-
nachtsosfizium vergeblich suchet. Unsere
Zeit ist in diesem Punkt viel sensibler ge-
worden, teils weil sie das Religiöse an
sich viel ernster nimmt, als etwa das 17.
und 18. Jahrhundert, teils weil das reli-
giöse Gemüt unter dem harten Spotte
der Gegner seine kindliche Harmlosigkeit
verloren hat und nun ängstlich darauf
bedacht ist, alles zu vermeiden, was etwa
berechtigten Hohn und Spott Hervorrufen
könnte.

Wir könnten die Forderung erheben:
Lasset sin der Kirche wenigstens) alle Ana-
chronismen und lokale oder gar persön-
liche Anspielungen weg, weil sie störend
wirken, weil sie das Heilige ans der ange-

messenen Höhe und Ferne, in der es auf
uns wirken soll, zu sehr herabziehen und
es ins Alltägliche, wenn nicht geradezu
Triviale wenden, das unbedingt vermieden
werden muß; weil sie mindestens jene
heilige Ehrfurcht vor dein Geheiinnis rau-
ben, die sorgfältig gepflegt und gehütet
sein will; weil sie in jedem Falle die Auf-
merksamkeit von der Hauptsache auf die
Nebensachen ablenken und ans solche Weise
ziir Oberflächlichkeit erziehen; die Krippe
soll nicht zum Gelächter reizen, sondern zur
frohen Anbetung stimmen.

Solche und manch andere WarnungZ-
tafeln könnten wir an den christlichen
Kunstwerkstätten, in welchen Krippen für
die Kirche hergestellt werden, anbringen.
Wir hätten damit schon viel gewonnen,
wenn sie befolgt würden, aber sie sagen
doch noch nicht alles, und was sie sagen,
sprechen sie noch keineswegs bestimmt ge-
nug aus, ja, sie ließen vielleicht fürchten,
daß damit einem Purismus das Wort
geredet werden wollte, der schließlich mit
den verworfenen Beigaben auch der Poesie
der Krippe den Todesstoß versetzen wollte.
Wir hätten möglicherweise mit solchen
Sätzen nur eine Kritik ausgestellt, eine
negative Grenze gezogen, ohne damit er-
kennen zu lassen, auf welche Gründe hin
wir diese Sätze anssprechen uiid welche
Direktiven wir nun positiv geben können.

Zu diesem Zweck ist es von Nutzen,
einen kleinen Rückblick auf die geschicht-
liche Entwicklung der Krippend ar-
stellnng zu tun, aber nur in der Form,
daß wir lediglich die geschichtlichen rrnd
ideellen Faktoren berücksichtigen, die ans
die bisherigen Krippendarstellungen be-
stimmend eingewirkt haben. Erst dann
können wir entscheiden, was mit diesen
bestimmenden Faktoren wieder entfernt,
was von ihnen beibehalten und weiter-
gepflegt werden kann bezw. muß.

Wir müssen uns daran erinnern, daß
die Grundlage für die Krippendarstellnng
zttnächst eine historische ist: der Be-
richt der hl. Schrift über die Geburt
des Herrn, die Anbetung der Hirten und
der Weisen — wenigstens von der Zeit
an, wo man nicht mehr bloß die leere

1) Ich lege hiefür das hübsche Werk von G.
Hager, Die Weihnachtskrippe, München 1902,
zu Grunde.
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